Arnold Pfammatter 
Autor des Buches "Alfred Grünwald - Der Mensch - Das Werk - Die Stiftung" 

1. Walliser Erde - karger Nährboden für malende Künstler
2. Der Briger Kunstmaler Alfred Grünwald (1929-1966)   
3. Es war einmal ... 
4. Wachsen und Werden 
5. Lieben, leiden, vollenden 
6. Über den Tod hinaus

Anlässlich einer Walliser Reise im Jahre 1799 schrieb Goethe: "Jeder Schritt zeigte uns eine neue Landschaft, die eines Gemäldes wert gewesen wäre". 
1. Walliser Erde - karger Nährboden für malende Künstler
Trotz dieser für unsere Region zum mindesten schmeichelhaften Reiseerinnerung und "malerischen" Formulierung scheint die steinig-trockene Walliser Erde kaum idealer Nährboden für malende Künstler zu sein, denn dieser Erde entwuchs als erster namhafter Maler im 19.Jahrhundert der aus Niederwald stammende Lorenz Ritz, insbesondere aber sin berühmter Sohn Rafael Ritz (1829-1894). Ihm folgte  alsdann - ohne dass die nachstehende List Vollständigkeit beansprucht - insbesondere im Welschwallis eine bemerkenswerte Reihe bekannter Namen wie Blatter, Bieler, Vallet, Dallèves, Bille, Fay, Olsommer, Chavaz, Dubuis, Monnier, Cini, Cingria, Menge, Zufferey, Putallaz u.a.m Wenn, abgesehen von sehr vereinzelten Ausnahmen, diese Künstler als Zugewanderte nur zeitweise am Rotten Gastrecht genossen, mag diese Tatsache als Beweis für die oben aufgestellte Behauptung vom kargen Nährboden gelten. 

Zahlenmässig aber noch unergiebiger scheint der Oberwalliser Boden, wenn auch in der Vergangenheit die offensichtlich fehlende Quanität durch die Qualität eines Taugwalder, insbesondere aber des leider allzufrüh verstorbenen, imponierende Beweise seines künstlerischen Schaffens hinterlassenden Ludwig Werlen (1884-1928) reichlich ausgewogen wird. Die Gegenwart jedoch scheint künstlerischem Schaffen wohlgesinnter und in der Reihe zeitgenössischer Maler wie Andenmatten, Zurbriggen, Pfänder, Willisch (ehemaliges Stiftungsmitglied), Mutter (Vater und Sohn), Dreesen, war Alfred Grünwald entschieden der Jüngste und Kurzlebigste.

2. Der Briger Kunstmaler Alfred Grünwald (1929-1969)   

Die bescheidene Spanne Zeit von 37 Jahren gestattete ihm kaum, Begonnenes zu vollenden und ebenso wenig gestattet uns die zeitlich kurze Distanz seit dem Tode Grünwalds, seine künstlerische Tätigkeit endgültig zu gewichten, zu werten, seine künstlerische Hinterlassenschaft in der Walliser Kulturlandschaft abschliessend einzuordnen und das vielfältige Werk in seinem Umfang und seiner Aussage zusammenfassend zu beurteilen. Diese Auffassung mag denn auch weitgehend erklären, warum in diesem Zusammenhang Aufmerksamkeit und Interesse primär dem Menschen Alfred Grünwald gelten soll.

Grünwald war, so will es mir scheinen, von sich selbst und seiner künstlerischen Auffassung überzeugt. Trotzdem belastete ihn nach aussen weder allzu missionarischer Geist noch ein ausgeprägtes Sendungsbewusstsein, das ihn bewogen hätte, kulturbefliessenen lehrend, belehrend, dozierend und predigend seine Kunst an den Mann zu bringen. Ebenso wenig legte er sich im Äusseren, im Benehmen, in der Rede-Lebens- und Verhaltensweise gesucht-künstlerische Originalität und Auffälligkeit zurecht. Im Gegenteil: Grünwald war zeitlebens in jeder Umgebung, Stimmung und Situation dank einer natürlichen unkomplizierten Spontaneität und Bescheidenheit in Wort und Tat erfrischend. 

Setzte er sich an Malwerk, rang er vorerst intensiv mit der leeren Fläche. Dann aber griff er rasch-entschlossen zu Stift, Pinsel und Farbe, seiner spontanen Malweise, seiner drängenden Gestaltungskraft und der stürmisch vorauseilenden Empfindung folgend. 

Kein ausgefeilter Fertigmacher und Theoretisierender, sondern impulsiver Schöpfer und Gestalter. Diese Schaffensweise blieb ihm eigen von der traditionellen Kunstübung von Landschaft, Stilleben und Bildnis, bis zur grossflächigen Arbeit an Glas und Fresco der neuern Architektur. 

Diese Spontaneität hat ihn denn auch des öftern - sehr zum Leidwesen seiner Umgebung - bewogen, in einem Anflug harter Selbstkritik an und für sich Wertvolles einfach zu übermalen oder dem kleinen Heizofen seines Ateliers anzuvertrauen. 

Nebst dieser erstaunlichen Produktivität war seine eigene eiserne Selbstdisziplin auffallend und die Zeit- und Weggenossen des Verstorbenen wissen zu berichten, dass selbst nach durchwachten, durchdiskutierten Nächten die Morgenstunde den Zecher arbeitend inmitten von Staffelei, Bildern und Utensilien vorfand. 

Ist es so abwegig anzunehmen, der Pöstlersohn hätte vielleicht doch ein Quentchen postalischer Disziplin und Zuverlässlichkeit seines Vaters auf den Künstlerweg mitbekommen? Oder ist die Meinung der Grünwald Kenner, Alfred sei in solchen Stunden von seiner schöpferischen Impulsivität förmlich zur Arbeit getrieben worden, nicht doch eher richtig?

Wohlwissend um des Künstlers Schwierigkeit und Mühsal materiellen Überlebens, war Grünwald trotzdem frei von jedem merkantilen Denken und in finanziellen Dingen recht unbekümmert. Diese Unbekümmert aber gestattete ihm in vielen Dingen, auch abseits der Kunst, ein offenes und freies Urteil. 

3. Es war einmal ...
An den schweizerischen Grenzen in nördlicher und südlicher Nachbarschaft wuchert - von vielen noch unbemerkt - diktarorischer Geist, Radikalismus und Agitation. Im Spätherbst des gleichen Jahres vollzieht sich an der New Yorker Börse der Sturz aller Werte und dieses Ereignis wird Auftakt und Signal zur grössten je in Szene geganenen weltwirtschaftlichen und weltpolitischen Krise nahezu apokalyptischen Ausmasses. Aber nur für wenige ist dieses Wetterleuchten in seiner letzten Konsequenz erkenn- und deutbar.

Heil noch scheint die Welt in unseren Breitengraden. Auch für die 2961 Anwohner der Dorf-, Wohn- und Stadtgmeinschaft Brig - das schmeichelhafte Prädikat "Stadt" hat sie sich wohl in einem leichten Anflug lokaler Eitelkeit zugelegt - ist die Welt noch in Ordnung. An der Peripherie dieser turmbewehrten Stadt nistet noch ländliche Beschaulichkeit, in Gassen, Gässchen, Plätzen und Plätzchen träumt noch Vergangenheit. In den Hinterhöfen haust Gemächlichkeit, die Quartiere haben noch Raum für kindliche Spiele, und wenn ein Ross samt Zuglast die steile Burgschaft hinaufkeucht, dann stieben und sprühen auf dem grobgesetzten Steinpflaster die Funken.

In den Strassenschläuchen dominiert noch nicht der Motor, das Fuhrwerk wirkt noch keineswegs museal und ein Kuhfladen in der schon recht noblen neuen Bahnhofstrasse noch nicht anachronistisch. Den "Omnibus" der Hotels Couronne et Postes (heute: Standort der UBS) und Müller ziehen prächtige Pferdepaare hinunter zum neuen Bahnhof, die alte Bahnhofstrasse ist westseits praktisch häuserlos und gibt sich unasphaltiert recht staubig-ländlich, derweil an der neuen Avenue de la Gare die Bauten noch recht vereinzelt einsam in ruhige Tage hineinträumen.

Die Furkabahn hinterlässt pustend herrlich weisse und dichte Rauchschwaden, wenn sie in der eleganten Rechtskurve über den Rotten (Rhone) nach Naters entschwindet. Die Schmalspurbahn führt ab Visp hinauf in Zermatt's erste Wintersaison der Geschichte und der Chronist meldet im "Briger Anzeiger" zur Jahreswende 1929 stolz die höchst respektable Zahl von nahezu  300 Gästen

Die Fahrpläne sind noch dünn und bescheiden und nur mit dem Maultier erreicht lebenswichtiges Gut die Bergdörfer. Auch wenn man vermeint, auf den Gehsteigen des Briger Bahnhofs, die Hast der grossen und den Hauch der weiten Welt zu spüren, so haben die Menschen der Oberwalliser Metropole und ihrer Region noch Musse und Zeit, ja sehr viel Zeit,  Zeit zu haben. 

Zeit hat an diesem späten Juni-Sonntagabend droben in der Burgschaft auch der Pöstler Karl Grünwald (1899-1964), unter Freunden im postalisch-freundschaftlicher Verbundenheit kurz "Carlo" oder als Beweis ganz besonderer Gewogenheit und Vertrautheit einfach mit dem Diminutiv "Carlingg" benannt. 

Fröhlich, temperamentvoll, schalkhaft, gesellig, kurz und solide gewachsen ist er mit seinen 30 Jahren ein Ausbund an Beweglichkeit, südländischer Quicklebendigkeit, postalischer Zuverlässlichkeit, gepaart mit der sympatischen Eigenwilligkeit eines regen, unkonformen Geistes mit unverkennbaren Zügen eines Bohemien, Pinsel und Farbe mehr schätzend als Beamtenfeder und Tinte. Kein schmalbrüstiger Durchschnitt also, sondern Persönlichkeit.

In auffälliger Unruh sitzt er zu abendlicher Stunde droben am Wegenerplatz bei "Vitali", schlürft hastig seinen Roten, zieht häufig die Sachuhr zu Rate, trommelt nervös auf den roten Metalltisch, steht auf, tut einige Schritte, setzt sich, um gleich wieder aufzustehen, hat keinen Sinn für die Freunde, kein Auge für die sonntägliche Beschaulichkeit, geschweige denn das Ebenmass der Kellnerin. Kein Wunder!

Die Gattin, die geborene Anna Martinotti (1900-1990) erwartet stündlich ihr Viertes. Ohne Zweifel, eine tapfere Dame und nie, aber auch gar nie hatte sie sich Derartiges vorgenommen, als sie 1919 genau vor einem Jahrzehnt als neunzehnjähriges temperamentvoll-quirliges Tessinerbündel, von Biasca kommend, ihrem Bruder und Bähnler Mario nach Brig folgte, ihm hier seinen Haushalt zu besorgen.

Wenn sie in dieser Nacht das Vierte in diese Welt setzen sollte, dann sind es knapp acht Jahre her, als sie ihren Carlo anlässlich einer "Pöstlertanzete" drüben im "Müller" erstmals tiefer ins Auge blickte. Jetzt aber ist diese Frau erfahren, umsichtig, bereits in drei "Niederkünften" erprobt, und klug geht sie zu Werke. Den sechsjährigen Felix (1923) und die fünfjährige Marilene (1924) hat sie für diese Nacht bei Verwandten untergebracht, derweil die drei Jahre zählende Emilia (1926) in der Nebenkammer dem dämmernden Morgen entgegenschlummert, denn dem Brauch, bisheriger Gepflogenheiten, einer robusten Natur, der Erfahrung und dem unerschütterlichen Gottvertrauen entsprechend, vollzieht sich das "menschliche Brutgeschäft" noch in der guten Stube.

Und es wird vollzogen in der Morgendämmerung des Montag, 3.Juni 1929 nach Stunden mütterlicher Hingabe, geschäftiger Hebammen- Betriebsamkeit und väterlicher Ungeduld. Im weissen Laken wimmert der Preis dieser Nacht, durch den Zufall hineingeboren in die kleinbürgerliche Einfachheit, die traditionelle Bescheidenheit, den Glauben und die Zuversicht Grünwald'scher Gemeinschaft an der Simplonstrasse 23

Was wohl aus ihm werde? So Gott will, nichts Fragwürdiges wie Dichter, Musiker, Bildhauer, Maler, Gaukler oder dergleichen, sondern hoffentlich etwas, Rechtes wie Schreiner, Taglöhner, Schuhmacher, wenn's gar gut geht ein Angestellter oder Beamter oder ein Gestudierter sogar.

Als die vierte Neugeburt - ihr folgten in späteren Jahren noch die Antonia (gestorben 1931), die Annelotte (1936) und der Christian (1940) - vom Pantenpaar Rafael Grünwald und Gisela Lauber zum Taufstein getragen wird, erhält sie den Namen Alfred (1929-1966). Vorher aber eilt der glückliche Vater ins Gemeindehaus, was den dienstbeflissenen Zivilstandsbeamten Theodor Pfammatter in den Büchern der Gemeinde zur umseitig stehenden Eintragung bewog. Mit dieser Amtshandlung begann darnach das, was ich nachstehend als das kurze Leben des Malers Alfred Grünwald bezeichne 

4. Wachsen und werden

Das Leben eines Künstlers und Grünwald war einer - in nüchterne,sachliche Wortreihen fassen zu wollen, ist ein schweres Unterfangen. Als liesse sich ein kurzes, aber intensiv gelebtes Künstlerdasein in seiner Eigenwilligkeit überhaupt zwischen zwei Buchdeckeln zwängen.

Zugegeben: der Künstler unserer Tage steht nicht mehr isoliert in Aussenseiter- und Hungerleiderposition. Die moderne Industriegesellschaft und der grundsätzlich kunstbeflissene Wohlfahrtsstaat lassen in der Regel keine Talente verkümmern und in der neuern Zeit übernehmen sie die Aufgaben des Mäzenatentums verganener Jahrhunderte. 

Dieses Wohlwollen erwirkt Annäherung zwischen Gesellschaft und Künstler und meistens ist dieser dann bereit, in seinem Lebensstil, seinem Habitus, seinem Äussern, und seinen Gepflogenheiten sich den traditionellen gesellschaftlichen Verhaltens- und Lebensformen anzupassen. Dies traf auch bei Alfred Grünwald sicher zu.

Trotzdem aber bleibt im Leben eines Künstlers noch Extravagantes und Nonkonformes genug, das zu deuten, zu erklären, zu verstehen und für den Leser niederzuschreiben wäre. Noch schwieriger wird dabei diese Aufgabe, wenn Hinterlassenes eines Verstorbenen (Briefe, Dokumente, Notizen, Tagebücher usw.) dürftig und unergiebig ist. Vollends unmöglich aber wird das Unterfangen, wenn dabei der Verfasser sich auf mündlich Überliefertes, aus zweiter Hand Kolportiertes abzustützen hat.

Aus diesen Gründen sei das Bemühen, Leben und Werk des Alfred Grünwald zu interpretieren und daran herumzudeuten, jenen Zeitgenossen des Verstorbenen überlassen, die in Pressemitteilungen, Ansprachen und Verlautbarungen aller Art zu Lebzeiten des Künstlers aus erster Quelle schöpften. 

Damit willfährt einem Toten, seinem Leben, Leiden, Sterben und seinem Werk grösstmöglichste Gerechtigkeit und zudem die Gewähr für realitätsbezogene, sachliche und lebensnahe Berichterstattung.

Diese Zeugenaussagen folgen aber in diesem Buche nicht fein säuberlich chronologisch und schematreu geordnet, sondern in eigenwilliger und ungeordneter Folge. Blitzlichtartig, Momentaufnahmen, Situationsberichte, unzensuriert, farbigbunt hingesetzt, bald hell, bald dunkel, hingeworfen wie Tupfen, Kleckser und Striche auf des Malers Palette und Leinwand.

Die Geldabwertung, die zunehmende Krise und Arbeitslosigkeit und die beängstigende Zuspitzung der internationalen politischen Gesamtsituation beunruhigten die Welt und auch bei uns schreckten Land und Leute aus der Geruhsamkeit jener Tage.

Dessenungeachtet aber gedieh an der Simplonstrasse 23 in Brig das Grünwald'sche Kleinkind zur allgemeinen Freude seiner kinderfreundlichen Umwelt. Nur der Vollständigkeit halber sei festgehalten: Wenn Mutte Grünwald zu berichten weiss, was für ein strammer, hungriger und zugleich braver Säuger ihr "caro Alfredo" gewesen sei, dann verbürge ich diese mütterlich Aussage und schreibe sie nicht der Eitelkeit der Erzeuger zu.

Physische und geistige Robustheit liessen ihn denn auch die Schulzeit unbeschadet überstehen, ebensowenig aber liess diese allfällig in ihm schlummernde künstlerische Talente restlos verkümmern. Diese überlebten trotz der betrüblichen Tatsache, dass musische Fächer durch den Zwang von Umstand und Zeit sich mit Nebenfachcharakter zu befriedigen hatten. Die damalige Lehrerschaft mag an den bis zum äussersten Blattrand mit Skizzen, Schnörkeln, Ornamenten und Entwürfen angefüllten Heften und Büchern des Schülers und späteren Studenten wohl kaum eitle Freude empfunden haben. Von den mit italienischen Brocken und mit südländischem Idiom angerichten Schulbubendeutsch wäre bestimmt Ähnliches zu berichten. 

Weit nachhaltiger als rein schulisches Wissen hat im spätern Leben des Malers Alfred Grünwald aber jene tiefe, nahezu kindliche Gläubigkeit und echt christliche Haltung nachgewirkt, welche dem Heranwachsenden in einer glücklichen, ausgeglichenen und überaus menschlichen Familiengemeinschaft anerzogen wurden.

Ohne von einer ererbten künstlerischen Begabung oder Substanz sprechen zu wollen, ist jedoch eindeutig erwiesen, dass der Schüler Alfred Grünwald wohl weit häufiger und weit lieber dem malenden und zeichnendem Vater Karl Grünwald und ältern Bruder Felix über die Schulter, als den Schulbüchern und Heften in die Seiten guckte. Dieser Zug schien ausgeprägt und verdeutlichte sich während der dreijährigen Realschulzeit am Kollegium Brig offensichtlich. 

Wohl oder über stellte sich damit für den jungen Pöstlerbuben die Frage der Berufswahl, die in jenen mageren Jahren nicht lediglich nach Lust, Veranlagung und Begabung, sondern auch nach materiellen und wirtschaftlichen Kriterien zu lösen war. Im eigenwilligen Studentenhirn schien diese Frage - eindeutig in Richtung künstlerischer und musischer Betätigung - vermutlich schon längst entschieden. Wer kann's dem besorgten Elternpaar Grünwald-Martinotti verargen, wenn dieser Entscheid unter den damaligen Zeitumständen, bei Kriegsende und fragwürdigem Friedensbeginn, bei ihnen nicht ausgesprochen euphorische Zustimmung fand? Mit dem schmal bemessenen Beamtenlohn war kaum mit der grossen Kellen auszurichten, hingegen sechs Wildfänge zu nähren, zu erziehen und standesgemäss auszubilden.

So werkte denn der junge Alfred, wenn er nicht gerade in der Freizeitwerkstätte am Heiligen Antonius und den Christusköpfen herumschnitzte, in der schulfreien Zeit wacker mit. Bald auf dem Bau, bald im Grenzsanitätsdienst, bald im Eilboten- und Telegrammdienst der PTT, kurzum überall da, wo mit der Hände und Füsse Fleiss einige Franken zu ergattern waren. 

Diese Voraussetzung traf damals am ehesten auf das Hotelgewerbe zu und so finden wir den jungen Mann, als er auszog die Welt zu erobern, angetan mit einer imponierenden Livrée als Chasseur zu Luzern im "Wilden Mann". Als solcher schien Alfred sich nur temporär betätigen zu wollen, denn nach kurzer Zeit stürzt er sich unbesonnen in einer Kurzschlusshandlung aus Uniform und Gasthaus und steht nach kurzer Irrfahrt mittellos in einem holländischen Schiffshafen, einen Dampfer nach Amerika zu besteigen.

Aufregende Suchaktion besorgter Eltern, Einsatz schweizerischer und niederländischer Polizei und der musische Ausreisser und Hotelier wider Willen steht zutiefst zerknirscht in der Simplonstrasse vor der väterlichen, zum Empfang des verlorenen Sohnes bereits geöffneten Haustür. Ob Vater Carlo das biblische Kalb geschlachtet und Mutter Anna selbes nach Tessiner Art in der heimeligen Wohnküche geschmort hatte, blieb zeitlebens ungeklärt.

Der Entschluss war nun reif, Weg und Zukunft vorgezeichnet, nicht wissend, dass der Schöpfer der letzteren nur die kurze Zeit von zwanzig Jahren zuzumessen dachte. Nicht ein prall gefülltes Reise- und Wanderbündel, wohl eher der Segen  des Vaters, die Wünsche der Mutter und das Einverständnis der beiden waren Alfred's treuste Begleiter, als er 1946 im ersten Nachkriegsjahr nach Italien aufbrach, sein geliebtes Handwerk zu erlernen

Kunstlyzeum "Beato Angelico" und "Brera" Mailand in den Jahren 1946-1949, "Bel Arti" in Florenz, in Paris "Beaux-Arts" und "Grande chaumière" 1951/52/54, Glasmalerei bei Paul Bony, Paris, 1954 Porträtmalerei und Lithographie an der Kunstakademie Florenz sind einige Stationen des Lernbefliessenen. 

Zwischen den klassischen Ausbildungsstätten des Auslands und den Fleisch- und Fettöpfen der Simplonstrasse 23 ist er während acht Jahren rastloser und unruhiger Pendler, Suchender und Finder, Lernender und Schöpfender zugleich. 

Die 118 Tage zur Erlernung des garstigen und leider immer noch nötigen Soldatenhandwerks in Losone, unterbrechen kurzfristig seine Lehr- und Wanderjahre, was den jungen Künstler, das Prädikat darf wohl nun verwendet werden, nicht hindert, im Jahre 1951 im Parterre des Hauses Adèle von Stockalper in der Burgschaft Brig ein, wenn auch bescheidenes bestücktes Atelier zu eröffnen. Unter diesen Umständen bereits als 24jähriger ein eidgenössisches Kunststipendium in Anerkennung des künstlerischen Schaffens entgegennehmen zu dürfen, war für einen jungen Künstler Ermutigung, Auftrieb und Verpflichtung zugleich. So erbrachten dann die Auslandreisen nach Holland, Sizilien, Italien, Spanien, Griechenland, Deutschland und Frankreich ergiebige künstlerische Ernte und Alfred Grünwald war damit im Begriffe, den unendlich mühsamen, beschwerlichen, steilen und oft deprimierenden Weg nach oben anzutreten.

5. Lieben, leiden, vollenden
Nahezu eine Zeitspanne von zwei Jahrzehnten des Mühens, Reifens und Strebens war gepaart mit dem widerlichen Kampf ums physische Überleben. Der Ausdruck "widerlich" sein in diesem Zusammenhang wohl gestattet, denn, wenn auch dem jungen Künstler in jenen Tagen die einsetzende wirtschaftliche Hochblüte seiner Umwelt nicht unbemerkt bleiben konnte, so war er doch kaum je nur einen Augenblick gewillt, dem breitern Publikumsgeschmack aus materiellen Überlegungen in stilistischer Hinsicht Konzessionen einzuräumen. Eine derartige, durchaus nicht so unübliche Handlungsweise hätte nicht nur seiner künstlerischen Auffassung, sondern auch der für Grünwald so typischen Unbekümmertheit um eigene materielle Wohlfahrt widersprochen. Unbeirrbar ging er seinen Weg, der kaum zu vollen Fleischtöpfen führte, dass dieses Beharrungsvermögen trotz allem zum Erfolg führen schien.

Grünwald begann sich durchzusetzen. Anerkennung wurde ihm auch ausserhalb eng gezogener regionaler Grenzen zuteil, sein Können wurde kommerziell - man übersehe diesen hässlichen Ausdruck - verwertbar und damit war auch die Brotlosigkeit seiner Kunst überwunden. Gleichzeitig erfolgte auch die seit Jahren ersehnte Verbesserung der Arbeitsbedingungen, indem in der Liegenschaft Stockalper an der Briger Simplonstrasse ein neues und geräumiges Atelier bezogen werden konnte. 

Hierdurch erhielt nicht nur die Schaffensperiode 1964/65 neue wertvolle Impulse, sondern auch sein persönlicher Lebensbereich erhielt neuen Gehalt durch die Tatsache, anlässlich eine fastnächtlichen Verantstaltung des Kirchenchors, dessen eifriges Mitlied er war, in der Person von Lucia jenem Menschen begegnet zu sein, der gewillt war, vorbehaltlos und freudig den gegenwärtigen wie zukünftigen Weg eines Alfred Grünwald gemeinsam zu gehen. Rührend und erschütternd zugleich, zehn Jahre nachher registrieren zu müssen, mit welcher Freude, welchem Ernst und mit welcher echten Besorgnis Alfred Grünwald anlässlich einer Florentiner Reise seinem Weggefährten Bildhauer Hans Loretan dieses seit geraumer Zeit wohlgehütete Geheimnis preisgab. 

In dieser Periode erhöhten Glücks- und Lebensgefühls reifte auch Grünwalds Entschluss, sich und Lucia in der "Noble contrée" oberhalb Siders ein Heim errichten. Dieser Raum im Zentralwallis - schon früher hatte er namhaften malenden und schreibenden Künstlern vorübergehend Gastrecht geboten - versprach anscheinend auch Alfred Grünwald jene Atmosphäre, jene Ruhe, jenen Weitblick, jenes Licht und jene Sonne, derer er zur Erfüllung seiner Pläne und Wünsche bedurfte. 

Diese mit Lucia gemeinsam durchlebte Phase des Planens, Einrichtens und des "Nestbauens" droben im alten Gemäuer von Miège kann wohl ohne Zweifel als glücklichster Abschnitt des kurzen Lebens des Malers Alfred Grünwald bezeichnet werden.

Und doch begann genau in dieser Phase vollsten Glücks, unmittelbar vor Vollendung und Erfüllung - weil ein unfairer Tod leise und noch unbemerkt mit einherschritt - jene erschütternde Tragik dieses kurzen Lebens, das in der Rückschau gesehen menschlichen Bemühen so menschlich, so ungeheuer hilflos und so deprimierend ohnmächtig erscheinen lässt. 

Wer oder was konnte denn damals in der physischen Vollkraft und nahezu im Höhepunkt künstlerischen Schaffens stehendenden Jungmann mit 36 Lenzen, dem drahtigen Grenadiersoldaten, dem zähen Fels- und Berggänger wohl etwas anhaben wollen?

Vielleicht das anlässlich einer Italienreise im Frühling 1965 genossene, anscheinend leicht verdorbene Poulet, das ihm nachträglich vermeintlich Darmbeschwerden verursachte? Oder etwa die lächerlichen Ermüdungserscheinungen, die sich erstmals in der Osterzeit 1965 offenbarten, als er seinem Bruder Felix beim Zügeln des Hausrats behilflich war? Oder vielleicht die völlig unbedeutenden Gewichtsverluste jener Tage? Oder etwa sogar die kindisch-läppische, lediglich akute Diarrhöe?

Was sollten derart läppische Nichtigkeiten inmitten eines vorwärts drängenden Lebens, eines voll ausgefüllten Tagwerks, einer beglückenden Verliebtheit, einer schöpferischen Emsigkeit, die zu tun noch soviel vorhatte? So zwischen triebsamkeit, gelegentlicher Besinnung, zwischen Bangen, Hoffnung, Zweifel und Liebe ging der Herbst ins Land und der Maler Grünwald in seinem für ihn typischen Optimismus am 5.November 1965 in die Betreuung seines Freundes und Beraters Dr.Peter Z'Brun, Chefarzt am Regionalspital St.Maria, Visp.

Konventionelle Stationen aller Spitalreifen: Untersuchungen, Proben, Spritzen, Infusionen, schlaflose Nächte, hektische Tage, Unsicherheit, Deprimiertheit, Optimismus und endlich am 15.Dezember das Verdikt der Bösartigkeit, Urteil, dem Ärzte jeweils unabänderliche Gewissheit, dem Patienten aber vage Hoffnung auf nicht malignen Ucus überlassend. Der operative Eingriff erfolgt am 28.Dezember 1965 und ärztliches Können erwirkt für das kurze Leben eine noch kürzere Gnadenfrist. Grünwald ist ein geduldiger Patient, liegenswürdig, bald selbstspöttisch, humorvoll, bald die Umgebung erheiternd, dann wieder in Saroyans "Menschliche Komödie" vetieft, pläneschmiedend und optimistisch. 

Tatsächlich reissen ihn am 4.Februar 1966 sein Durchhaltevermögen, die Kunst des Arztes, sowie die allgegenwärtige Assistenz seiner Lucia wieder hinaus vor die Staffelei und hinein in den sakralen Raum. Dem Gotthaus von Jeizinen gilt von nun an sein ganzes künstlerisches Bemühen, als schiene der Geist zu wissen, dass der geschwächte Körper nur schwer mehr den künstlerischen Impulsen mit Pinsel und Spachtel zu folgen vermochte. 

Sitzend malt er, arbeitet rastlos in letzter Hingabe, unterstützt von seinem Weggefährten Williy Dreesen, betreut von Lucia, umhegt von seiner eigenen Mutter. Man malt in dunklen Tönen an seinen Fresken: Heiliger Geist, Verkündigung, Auferstehung und Tod, dessen Nähe und Allgegenwart Alfred Grünwald vielleicht erstmals in diesem sakralen Raum fühlbar erahnt haben mag. 

Die Tragik seine letzten Lebensmonate illustrierte folgende Begebenheit: Juni-Ausstellung 1966 in Brig. Volles Haus und die verkauften Werke erhalten als Kennzeichen einen roten Punkt. Der Verstorbene sitzt - das Stehen wird ihm zur Pein - vor dem Eingang zum Ausstellungsraum. Ein Freund und Mäzen tritt hinzu, reicht zum Gruss die Hand und frägt nach dem Befinden. "Ja fräg noch. Hescht gseh die vile rote Punkta. Jetz weisi wenigstens wie schpat dass mit mier ischt". Diese tragische Episode fand anschliessend in der Presse ihren Ausdruck in der lapidaren Feststellung, die Interessenten hätten sich um die Werke gestritten. 

Indessen aber trieb die Krankheit das Zerstörungswerk beharrlich und grausam fort und aus eigenem Antrieb meldete sich Alfred Grünwald nach beschwerlicher und qualvollster Zeit des Hoffens und Bangens am 7.Juni 1966 bei seinem Freunde im Regionalspital Visp zur endgültigen Hospitalisierung zurück.

Die Gehirnmetastasen liessen nur Böses erahen und der letzte Lebensweg beginnt: Der Tiefschlaf führt zum Dämmerzustand und der Dämmerzustand führt gelegentlich zu lichten Momenten. In einem solchen muss Alfred Grünwald, vielleicht unter Beihilfe seiner Weggefährtin Lucia, das nachstehende, schriftliche Dokument stiller Dankbarkeit verfasst haben.

Dieser Beweis beeindruckender Anhänglichkeit ging am 31.Juni 1966 an die Adresse seines Patenkindes Christine Zehnder, die ihm Alpenblumen in sein Krankenzimmer, das zum Sterbezimmer werden sollte, stellen liess.

Die allerletzte schriftliche Äusserung, die der Erlösende zehn Tage vor dem Tode seiner müden Hand abgerungen haben mag, war in kollegialer Dankbarkeit und Anerkennung Willy Dreesen zugedacht. Das nachstehende Schriftstück gibt im Schriftbild unzweifelhaft die Tragik jener Stunden wieder und nicht ohne Erschütterung ist folgendes dort lesbar:

"Mein lieber Willy!

Ich danke Dir sehr für Deine Hilfe und wünsche Dir eine gute Deutschlandreise und gute Rückreise. Es geht mir langsam besser. 

lb.Grüsse: Lucia. Alles Gute: Alfred".

Der Kreuzweg des Malers Alfred Grünwald aber ging dann 10 Tage später am 14.August 1966, als der Herr ihm einen guten, wohlverdienten und erlösenden Tod schenkte, zu Ende.

6. Über den Tod hinaus
Es ist sicher keine Überheblichkeit, Alfred Grünwald der Reihe bekannter zeitgenössischer Maler zuzuordnen. Demzufolge stellt denn auch Schaffen und Werk dieses verstorbenen Künstlers wertvolles Kulturgut dar, das über die Regionalgrenzen hinaus Anerkennung fand. 

Es galt daher, nicht nur dieses Gut eine breiten Öffentlichkeit durch permanentes Ausstellen zugänglich zu machen, sondern auch kommenden Generationen aufzuheben und zu bewahren. Den Fehler, namhafte Kunstwerke nur durch einen kleinen Kreis von Kunstkennern eifersüchtig hüten zu lassen, musste daher vermieden werden.

Diese Überlegungen haben denn auch schon kurz nach dem Tode von Alfred Grünwald seine Angehörigen, sowie Freunde und Bewunderer seiner Kunst bewogen, eine Stiftung gleichen Namens zu errichten

Die Bemühungen der Erbgemeinschaft des verstorbenen Künstlers, führten denn auch alsbald zur Errichtung einer "Alfred Grünwald Stiftung" im Sinne von Art.80 ff ZGB, deren Zweck unter Art.2 des Stiftungsstatuts wie folgt vereinbart wurde:

"Zweck: Die Stiftung bezweckt:

  • die Vereinigung eines repräsentativen Teiles des Werkes von Alfred Grünwald (1929-1966) in einer Hand in Brig,
  • die Sorge für die Erhaltung dieses Werkes,
  • den Einsatz dafür, dass dieses Werk den Kunstfreunden und der einheimischen Bevölkerung in angemessener Weise zugänglich und bekannt gemacht wird,
  • die kunstwissenschaftliche Betreuung des Gesamtwerkes von Alfred Grünwald".

Voraussetzung hiezu war natürlich die Bereitschaft der Erbgemeinschaft Grünwald, wenigstens 50 Werke des Künstlers der Stiftung zu dauerndem Besitz zu überlassen, wobei eine Veräusserung von einzelnen Teilen des Werkes oder des gesamten Werkes grundsätzlich ausgeschlossen ist. Ausnahmefälle wären lediglich möglich, wenn die Erfüllung des Stiftungszweckes diese erheischen würden. 

Verwaltung und Überwachung der Stiftung obliegt einem neunköpfigen Stiftungsrat, in welchem ein Vertreter der Familie Grünwald auf Lebzeiten, je ein Vertreter der Munizipalgemeinde sowie der Brugerschaft Brig, ein Fchmann und 5 weitere Mitglieder für 4 Jahre Einsitz nehem. 

Dieser setzt sich (zu der Zeit der Publikation des Buches 1976) aus folgenden 9 Mitgliedern zusammen:

  1. Präsident: Felix Grünwald, Architekt, Brig, Vertreter der Familie;
  2. Vertreter der Stadtgemeinde: Dr.Werner Perrig, Stadtpräsident, Brig;
  3. Vertreter der Burgerschaft: Max Franzen, Burgerrat, Brig;
  4. Sekretärin: Frau Annemarie Grünwald-Schmid,Brig;
  5. Hans Loretan, Bildhauer und Zeichnungslehrer Kollegium, Brig;
  6. Philipp Mengis, Verleger, Visp;
  7. Arnold Pfammatter, Postverwalter, Brig;
  8. Dr.Walter Ruppen,Kunsthistoriker, Brig;
  9. Dr.Peter Z'Brun, Chefarzt, Visp.

In Ausführung des Beschlossenen konnte denn auch am 29.März 1969 Felix Grünwald als Sprecher der Erbgemeinschaft die "Stiftung Alfred Grünwald" in Anwesenheit der verantwortlichen Persönlichkeiten aus Behörde und Verwaltung der Öffentlichkeit übergeben

QUELLE: "Alfred Grünwald: Der Mensch/Das Werk/Die Stiftung",a.a.O,S.7ff.,15ff.,55ff.,95ff.