Der Weg des Künstlers 
Dr.Walter Ruppen, Kunsthistoriker und Stiftungsratsmitglied der ersten Stunde 
1. 1953/54 trat der Künstler mit Bildern an die Öffentlichkeit ...
2. In den Jahren 1955/57 schuf er die schönsten Porträte der Frühzeit 
3. Der Einfluss von Florenz und Einbruch des Religiösen 1957
4. Das Eintauchen in die Farbmaterie 1959/60
5. Auf Rouault folgte 1962 Matisse als Leitbild
6. Die Entwicklung seiner Kunst
7. Kurz vor Vollendung seines Lebens - die Synthese

Im Laufe des Sommers 1968 wurde im Hinblick auf die geplante Alfred Grünwald Stiftung eine strenge Auswahl unter den Gemälden getroffen. Es bot sich vielleicht erstmals die Gelegenheit, die scheinbar wirre Fülle von Grünwalds Schaffen zu überblicken. Da entstanden die folgenden, damals nicht veröffentlichten Zeilen - ein Wunsch, den drängenden, bisweilen unsteten Rhythmus der Entwicklung seiner Kunst darzustellen und die Einflüsse aufzuzeigen, die im Laufe des kurzen Künstlerlebens verschieden stark einsetzten.

1. 1953/54 trat der Künstler mit Bildern an die Öffentlichkeit ...

die durch eigenwillige Formgebung und Kühnheit der Farbe überraschten. Besonders in Porträten verband sich meisterhafte Kunst der Charakteristik mit einem Farbauftrag, der sich meist der von van Gogh und Kokoschka her bekannten expressiven Pinselschrift bediente, bisweilen aber auch die lyrische impressionistische Faktur verwendete. 

So bewies Grünwald gleich bei seinem Erscheinen, dass er sich die Malkultur seiner Zeit zu eigen gemacht hatte und das Rüstzeug besass, in die Reihe der berufenen zeitgenössischen Künstler aufzusteigen. Seine ausgesprochene Begabung für die Farbe musste ihn dabei begünstigen.

2. Neben zahlreichen Akten entstanden 1955/57 die schönsten Porträte 

In den Jahren 1955/57 sichtete er weiterhin dieses Erbe. Er milderte die Töne, vervollkommnete die Harmonie und schuf neben zahlreichen Akten die schönsten Porträte der Frühzeit

3. Der Einfluss von Florenz und Einbruch des Religiösen 1957

1957 sollte dann das Jahr der grossen Umwälzung werden. Immer noch in Portäten und Akten wird der Einfluss von Florenz sichtbar, wo der Künstler dem Akademieunterricht folgte. Das intensive Licht des Südens verscheuchte die milderen Farben der voraufgehenden Zeit. Eine abgeklärte Kühle weht aus den Farbflächen und den gahaltenen Kompositionen dieser Werke. doch kann in vereinzelten Gemälden auch plötzlich eine harte Expressivität durchbrechen - wie Vorbeben des Einbruch des Religiösen, das sich Ende 1957 mit visionärer Krft ereigente

Ein mit gleissenden Farben irritierender "Sturz der Engel" verrät, dass hier Chagall in das Blickfeld des Künstlers trat. In diesem Augenblick auch wird sich ihm der deutsche Expressionismus erschlossen haben. So war ein ungestümer Gegenschlag auf die florentinische Epoche gefolgt.

Im folgenden Jahr verfestigte sich der visionäre Zug, sich zugleich wieder etwas beruhigend. Ein qualitätvoller Kreuzweg, der eine Zierde für eine moderne Oberwalliser Kirche bedeutet hätte, gehört nach der expressiven Gebärde und den dumpfen Farben am ehesten in diese Phase, die in gewissem Sinne eine Ruhe vor einem neuen Sturm darstellte.

4. Das Eintauchen in die Farbmaterie 1959/60
1959/60 verschrieb er sich den chaotisch-dämonischen Kräften der Farbe, ein Erlebnis, das vielen modernen Malern, und zwar den berufensten unter ihnen, nicht erspart blieb. Während dieser Gang zur Unterwelt in der Regel aber ein phantastisches Erlebnis in sich schloss, hielt Grünwald, auf Georges Rouault blickend, an den christlichen Themen fest und schuf unter anderm die in Farbmaterie fast verglühende "Himmelfahrt des Elias".
5. Auf Rouault folgte 1962 Matisse als Leitbild
Damit ist bereits gesagt, dass das Pendel wieder zu formal strengem Bildaufbau und intensiven Farbflächen zurückeilte, in denen keine Pinselzüge mehr die Oberflächen aufwühlten. Der heiteren Leidenschaftslosigkeit des Franzosen gewährte Grünwald zwar selten Einlass, er zog die harte Symmetrie der Etrusker vor. Und dem Mattisse zu Unrecht oft vorgeworfenen Nur-Ornamentalem entging er dadurch, dass er sich nach Symbolen umsah. Auf diesem Wege konnte er Gehr folgen. So wählte sich Grünwald immer mit instinktiver Sicherheit seine Leitbilder aus
6. Die Entwicklung seiner Kunst ...
glich eine Fahrt bei Sturm; das Schiff wurde hin und her gerissen, aber der Steuermann verlor nie den Stern aus dem Auge. Wie der Fall Buffet lehrt, kann ein allzu früher Alleingang gefährlich werden. Einen Alleingang in diesem Sinne hat Grünwald noch nicht angetreten; die kurze Spanne seines Lebens hat es ihm nicht vergönnt. Aber er bewies seine künstlerische Originalität zur Genüge in Werken, die trotz Abhängigkeit von grossen Meistern einen kräftigen Stempel der Persönlichkeit tragen. 
7. Kurz vor Vollendung seines Lebens - eine Synthese ...
Was aus Grünwald noch hätte werden können - an sich eine müssige Frage, aber man ermisst dabei den Verlust fürs Wallis - lässt die herrliche Folge der grossen Landschaften des Jaheres 1965 erahnen, wo sich Matiss'sche Schönheit mit dem drängenden Gehalt des deutschen Expressionismus vermählt. Hier ist dem Künstler kurz vor der Vollendung seines Lebens noch eine Synthese gelungen.
QUELLE: Alfred Grünwald: Der Mensch-Das Werk-Die Stiftung, Brig 1976, Rotten Verlag (vergriffen), S.63f.

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