| Es war einmal ... | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| von Arnold Pfammater, Autor der Monographie "Alfred Grünwald" (1976, vergriffen) | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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1. Ein Stimmungsbild von Alfred Grünwalds Geburtsjahr 1929 |
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| 1. Ein Stimmungsbild von Alfred Grünwalds Geburtsjahr 1929 | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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An den schweizerischen Grenzen in nördlicher und
südlicher Nachbarschaft wuchert - von vielen noch unbemerkt - diktarorischer
Geist, Radikalismus und Agitation. Im Spätherbst des gleichen Jahres
vollzieht sich an der New Yorker Börse der Sturz aller Werte und dieses
Ereignis wird Auftakt und Signal zur grössten je in Szene gegangenen
weltwirtschaftlichen und weltpolitischen Krise nahezu apokalyptischen Ausmasses.
Aber nur für wenige ist dieses Wetterleuchten in seiner letzten
Konsequenz erkenn- und deutbar.
Heil noch scheint die Welt in unseren Breitengraden. Auch für die 2961 Anwohner der Dorf-, Wohn- und Stadtgmeinschaft Brig - das schmeichelhafte Prädikat "Stadt" hat sie sich wohl in einem leichten Anflug lokaler Eitelkeit zugelegt - ist die Welt noch in Ordnung. An der Peripherie dieser turmbewehrten Stadt nistet noch ländliche Beschaulichkeit, in Gassen, Gässchen, Plätzen und Plätzchen träumt noch Vergangenheit. In den Hinterhöfen haust Gemächlichkeit, die Quartiere haben noch Raum für kindliche Spiele, und wenn ein Ross samt Zuglast die steile Burgschaft hinaufkeucht, dann stieben und sprühen auf dem grobgesetzten Steinpflaster die Funken. In den Strassenschläuchen dominiert noch nicht der Motor, das Fuhrwerk wirkt noch keineswegs museal und ein Kuhfladen in der schon recht noblen neuen Bahnhofstrasse noch nicht anachronistisch. Den "Omnibus" der Hotels Couronne et Postes (heute: Standort der UBS) und Müller ziehen prächtige Pferdepaare hinunter zum neuen Bahnhof, die alte Bahnhofstrasse ist westseits praktisch häuserlos und gibt sich unasphaltiert recht staubig-ländlich, derweil an der neuen Avenue de la Gare die Bauten noch recht vereinzelt einsam in ruhige Tage hineinträumen. Die Furkabahn hinterlässt pustend herrlich weisse und dichte Rauchschwaden, wenn sie in der eleganten Rechtskurve über den Rotten (Rhone) nach Naters entschwindet. Die Schmalspurbahn führt ab Visp hinauf in Zermatt's erste Wintersaison der Geschichte und der Chronist meldet im "Briger Anzeiger" zur Jahreswende 1929 stolz die höchst respektable Zahl von nahezu 300 Gästen. Die Fahrpläne sind noch dünn und bescheiden und nur mit dem Maultier erreicht lebenswichtiges Gut die Bergdörfer. Auch wenn man vermeint, auf den Gehsteigen des Briger Bahnhofs, die Hast der grossen und den Hauch der weiten Welt zu spüren, so haben die Menschen der Oberwalliser Metropole und ihrer Region noch Musse und Zeit, ja sehr viel Zeit, Zeit zu haben. |
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| 2. Die Familie Grünwald an der Simplonstrasse 23 in Brig | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Zeit hat an diesem späten Juni-Sonntagabend droben in der Burgschaft auch der Pöstler Karl Grünwald (1899-1964), unter Freunden im postalisch-freundschaftlicher Verbundenheit kurz "Carlo" oder als Beweis ganz besonderer Gewogenheit und Vertrautheit einfach mit dem Diminutiv "Carlingg" benannt. Fröhlich, temperamentvoll, schalkhaft, gesellig, kurz und solide gewachsen ist er mit seinen 30 Jahren ein Ausbund an Beweglichkeit, südländischer Quicklebendigkeit, postalischer Zuverlässlichkeit, gepaart mit der sympatischen Eigenwilligkeit eines regen, unkonformen Geistes mit unverkennbaren Zügen eines Bohemien, Pinsel und Farbe mehr schätzend als Beamtenfeder und Tinte. Kein schmalbrüstiger Durchschnitt also, sondern Persönlichkeit. In auffälliger Unruh sitzt er zu abendlicher Stunde droben am Wegenerplatz bei "Vitali", schlürft hastig seinen Roten, zieht häufig die Sachuhr zu Rate, trommelt nervös auf den roten Metalltisch, steht auf, tut einige Schritte, setzt sich, um gleich wieder aufzustehen, hat keinen Sinn für die Freunde, kein Auge für die sonntägliche Beschaulichkeit, geschweige denn das Ebenmass der Kellnerin. Kein Wunder! Die Gattin, die geborene Anna Martinotti (1900-1990) erwartet stündlich ihr Viertes. Ohne Zweifel, eine tapfere Dame und nie, aber auch gar nie hatte sie sich Derartiges vorgenommen, als sie 1919 genau vor einem Jahrzehnt als neunzehnjähriges temperamentvoll-quirliges Tessinerbündel, von Biasca kommend, ihrem Bruder und Bähnler Mario nach Brig folgte, ihm hier seinen Haushalt zu besorgen. Wenn sie in dieser Nacht das Vierte in diese Welt setzen sollte, dann sind es knapp acht Jahre her, als sie ihren Carlo anlässlich einer "Pöstlertanzete" drüben im "Müller" erstmals tiefer ins Auge blickte. Jetzt aber ist diese Frau erfahren, umsichtig, bereits in drei "Niederkünften" erprobt, und klug geht sie zu Werke. Den sechsjährigen Felix (1923) und die fünfjährige Marilene (1924) hat sie für diese Nacht bei Verwandten untergebracht, derweil die drei Jahre zählende Emilia (1926) in der Nebenkammer dem dämmernden Morgen entgegenschlummert, denn dem Brauch, bisheriger Gepflogenheiten, einer robusten Natur, der Erfahrung und dem unerschütterlichen Gottvertrauen entsprechend, vollzieht sich das "menschliche Brutgeschäft" noch in der guten Stube. Und es wird vollzogen in der Morgendämmerung des Montag, 3.Juni 1929 nach Stunden mütterlicher Hingabe, geschäftiger Hebammen- Betriebsamkeit und väterlicher Ungeduld. Im weissen Laken wimmert der Preis dieser Nacht, durch den Zufall hineingeboren in die kleinbürgerliche Einfachheit, die traditionelle Bescheidenheit, den Glauben und die Zuversicht Grünwald'scher Gemeinschaft an der Simplonstrasse 23. Was wohl aus ihm werde? So Gott will, nichts Fragwürdiges wie Dichter, Musiker, Bildhauer, Maler, Gaukler oder dergleichen, sondern hoffentlich etwas, Rechtes wie Schreiner, Taglöhner, Schuhmacher, wenn's gar gut geht ein Angestellter oder Beamter oder ein Gestudierter sogar. Als die vierte Neugeburt - ihr folgten in späteren Jahren noch die Antonia (gestorben 1931), die Annelotte (1936) und der Christian (1940) - vom Pantenpaar Rafael Grünwald und Gisela Lauber zum Taufstein getragen wird, erhält sie den Namen Alfred (1929-1966). Vorher aber eilt der glückliche Vater ins Gemeindehaus, was den dienstbeflissenen Zivilstandsbeamten Theodor Pfammatter in den Büchern der Gemeinde zur umseitig stehenden Eintragung bewog. Mit dieser Amtshandlung begann darnach das, was ich nachstehend als das kurze Leben des Malers Alfred Grünwald bezeichne |
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| 3. Das kurze Leben des Malers Alfred Grünwald (1929-1966) | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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| Quelle: Alfred Grünwald: Der Mensch-Das Werk-Die Stiftung, Brig 1976, Rotten Verlag (vergriffen), S.7ff. | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Es war einmal > Wachsen und Werden > Lieben, leiden, vollenden > Über den Tod hinaus