Jeunesses Musicales
von Hans Zehnder, Freund und bis 2000 Revisor der Alfred Grünwald Stiftung

Grünwald liebte auch die klassische Musik und besuchte fleissig die wenigen Konzerte, die damals in Brig geboten wurden. So war es naheliegend, dass die "Jeunesses Musicales" von Brig (der deutsche Name "Schweizerische Jugendgemeinde für Musik" drang nicht durch) zu ihrem ersten und leider auch letzten Präsidenten eben Alfred Grünwald erkor. 

Der Verein dauerte nur von 1952-1956 und musste aus finanziellen Gründen aufgelöst werden. So verlor Brig den Vorteil, einer internationalen Organisation anzugehören. Hier half auch der grosse Idealismus der über 100 Mitgliede nicht, angefeuert durch das gute Beispiel ihres Präsidenten.

Dank seinem Charme gelang es ihm jeweils für die Plakate an den Schaufenstern der Geschäfte einen guten Platz zu gewinnen. Er scheute auch keine Mühe, dem damaligen Schulhausabwart, Herrn Niggely, bei der Aufstellung der Bühne und der Bestuhlung der Turnhalle tatkräftig zu helfen. Ohne grosse rhetorische Vorbereitung eröffnete er dann auf dieser selbsterstellten Bühne mit einer sympathischen "Nonchalance" die Konzerte. Eine Hand im Hosensack zum Beispiel, erklärte er anlässlich des Klavierabends von Jaqueline Blanchard am 13.Dezember 1953, sie spiele "wegen eines Gebrechens" nicht auswendig. 

Die Konzertbesucher erwarteten gespannt eine körperlich behinderte Musikerin. Dabei handelte es sich um gelegentliche Gedächtnisschwäche infolge eines Unfalls. Seine bescheidene Unbekümmertheit kam auch zum Ausdruck bei seiner ersten Ausstellung im Stockalperschloss. Als in HH. Rektor Carlen bei der Eröffnung bat, seine Werke zu erläutern, sagte Grünwald ganz einfach, die Bilder seien zum Betrachten da und brauchten keine Erklärung! 

Grünwald war sehr belesen und kannte sich nicht nur in der Kunstgeschichte aus, sondern vertiefte sich auch in die Heilige Schrift. Das beweisen uns seine vielen Bilder über biblische Themen, und die Diskussionen nach den Vorstandssitzungen der JM drehten sich manchmal bis tief in die Nacht um solche Ergebnisse seine Lektüren. Man sprach auch von alltäglichen Dingen, ohne dass er in negative Kritik verfiel. 

Man "philosophierte" über heikle Themen, wie über den Zustand nach dem Tode. Sehr viel erzählte Alfred von seinen Reisen nach dem Berg Athos, nach Spanien, Frankreich und seiner Ausbildungszeit in Italien. 

Beim Zusammensein mit ihm wirkten seine Geselligkeit und die feine Heiterkeit ansteckend. Seine positive Lebenshaltung, seine Anspruchslosigkeit und sein Künstlertum in gutem Sinne waren wohltuend und aufbauend. Seine eigene Art, geniesserisch an seinem "Stumpen" zu ziehen hätten anregen können, wie er, die Dinge dieser Welt zu schätzen und dafür dankbar zu sein.

Aller Idealismus und Opfergeist des Präsidenten half der JM nicht aus dem finanziellen Engpass. So beschloss der Vorstand schweren Herzens, die JM aufzulösen. Doch behielt Grünwald seinen Humor und anerbot sich, die letzte Mitteilung eigenhändig herzustellen: "R.I.P. aufgelöst in seine chemischen Substanzen, Jeunesses Musicales Brig".

Hans Zehnder

QUELLE: Alfred Grünwald: Der Mensch-Das Werk-Die Stiftung,Brig 1976 Rotten Verlag (vergriffen), S.31f.