Lieben,leiden,vollenden
von Arnold Pfammater, Autor der Monographie "Alfred Grünwald" (1976, vergriffen)

1. Nahezu eine Zeitspanne von zwei Jahrzehnten ...
2. Die Wende 1964/65: Neues Atelier und Lucia
3. In dieser Phase vollsten Glücks ...
4. unmittelbar vor Erfüllung - jene erschütternde Tragik
5. Verdikt Bösartigkeit  - Operation und kurzes Aufbäumen
6. 
Seine letzte Arbeit im Gotthaus von Jeizinen 
7. Die Tragik seiner letzten Lebensmonate ... 
8. Der letzte Lebensweg bis zum erlösenden Tod

1. Nahezu eine Zeitspanne von zwei Jahrzenten ...
des Mühens, Reifens und Strebens war gepaart mit dem widerlichen Kampf ums physische Überleben. Der Ausdruck "widerlich" sein in diesem Zusammenhang wohl gestattet, denn, wenn auch dem jungen Künstler in jenen Tagen die einsetzende wirtschaftliche Hochblüte seiner Umwelt nicht unbemerkt bleiben konnte, so war er doch kaum je nur einen Augenblick gewillt, dem breitern Publikumsgeschmack aus materiellen Überlegungen in stilistischer Hinsicht Konzessionen einzuräumen. Eine derartige, durchaus nicht so unübliche Handlungsweise hätte nicht nur seiner künstlerischen Auffassung, sondern auch der für Grünwald so typischen Unbekümmertheit um eigene materielle Wohlfahrt widersprochen. Unbeirrbar ging er seinen Weg, der kaum zu vollen Fleischtöpfen führte, dass dieses Beharrungsvermögen trotz allem zum Erfolg führen schien.
2. Die Wende 1964/65 - Neues Atelier und Lucia
Grünwald begann sich durchzusetzen. Anerkennung wurde ihm auch ausserhalb eng gezogener regionaler Grenzen zuteil, sein Können wurde kommerziell - man übersehe diesen hässlichen Ausdruck - verwertbar und damit war auch die Brotlosigkeit seiner Kunst überwunden. Gleichzeitig erfolgte auch die seit Jahren ersehnte Verbesserung der Arbeitsbedingungen, indem in der Liegenschaft Stockalper an der Briger Simplonstrasse ein neues und geräumiges Atelier bezogen werden konnte. 

Hierdurch erhielt nicht nur die Schaffensperiode 1964/65 neue wertvolle Impulse, sondern auch sein persönlicher Lebensbereich erhielt neuen Gehalt durch die Tatsache, anlässlich eine fastnächtlichen Verantstaltung des Kirchenchors, dessen eifriges Mitlied er war, in der Person von Lucia jenem Menschen begegnet zu sein, der gewillt war, vorbehaltlos und freudig den gegenwärtigen wie zukünftigen Weg eines Alfred Grünwald gemeinsam zu gehen. Rührend und erschütternd zugleich, zehn Jahre nachher registrieren zu müssen, mit welcher Freude, welchem Ernst und mit welcher echten Besorgnis Alfred Grünwald anlässlich einer Florentiner Reise seinem Weggefährten Bildhauer Hans Loretan dieses seit geraumer Zeit wohlgehütete Geheimnis preisgab. 

3. In dieser Phase vollsten Glücks ...
In dieser Periode erhöhten Glücks- und Lebensgefühls reifte auch Grünwalds Entschluss, sich und Lucia in der "Noble contrée" oberhalb Siders ein Heim errichten. Dieser Raum im Zentralwallis - schon früher hatte er namhaften malenden und schreibenden Künstlern vorübergehend Gastrecht geboten - versprach anscheinend auch Alfred Grünwald jene Atmosphäre, jene Ruhe, jenen Weitblick, jenes Licht und jene Sonne, derer er zur Erfüllung seiner Pläne und Wünsche bedurfte. 

Diese mit Lucia gemeinsam durchlebte Phase des Planens, Einrichtens und des "Nestbauens" droben im alten Gemäuer von Miège kann wohl ohne Zweifel als glücklichster Abschnitt des kurzen Lebens des Malers Alfred Grünwald bezeichnet werden.

4. Unmittelbar vor Erfüllung  - jene erschütternde Tragik
Und doch begann genau in dieser Phase vollsten Glücks, unmittelbar vor Vollendung und Erfüllung - weil ein unfairer Tod leise und noch unbemerkt mit einherschritt - jene erschütternde Tragik dieses kurzen Lebens, das in der Rückschau gesehen menschlichen Bemühen so menschlich, so ungeheuer hilflos und so deprimierend ohnmächtig erscheinen lässt. 

Wer oder was konnte denn damals in der physischen Vollkraft und nahezu im Höhepunkt künstlerischen Schaffens stehendenden Jungmann mit 36 Lenzen, dem drahtigen Grenadiersoldaten, dem zähen Fels- und Berggänger wohl etwas anhaben wollen?

Vielleicht das anlässlich einer Italienreise im Frühling 1965 genossene, anscheinend leicht verdorbene Poulet, das ihm nachträglich vermeintlich Darmbeschwerden verursachte? Oder etwa die lächerlichen Ermüdungserscheinungen, die sich erstmals in der Osterzeit 1965 offenbarten, als er seinem Bruder Felix beim Zügeln des Hausrats behilflich war? Oder vielleicht die völlig unbedeutenden Gewichtsverluste jener Tage? Oder etwa sogar die kindisch-läppische, lediglich akute Diarrhöe?

Was sollten derart läppische Nichtigkeiten inmitten eines vorwärts drängenden Lebens, eines voll ausgefüllten Tagwerks, einer beglückenden Verliebtheit, einer schöpferischen Emsigkeit, die zu tun noch soviel vorhatte? So zwischen triebsamkeit, gelegentlicher Besinnung, zwischen Bangen, Hoffnung, Zweifel und Liebe ging der Herbst ins Land und der Maler Grünwald in seinem für ihn typischen Optimismus am 5.November 1965 in die Betreuung seines Freundes und Beraters Dr.Peter Z'Brun, Chefarzt am Regionalspital St.Maria, Visp.

5. Verdikt Bösartigkeit  - Operation und kurzes Aufbäumen
Konventionelle Stationen aller Spitalreifen: Untersuchungen, Proben, Spritzen, Infusionen, schlaflose Nächte, hektische Tage, Unsicherheit, Deprimiertheit, Optimismus und endlich am 15.Dezember das Verdikt der Bösartigkeit, Urteil, dem Ärzte jeweils unabänderliche Gewissheit, dem Patienten aber vage Hoffnung auf nicht malignen Ucus überlassend. Der operative Eingriff erfolgt am 28.Dezember 1965 und ärztliches Können erwirkt für das kurze Leben eine noch kürzere Gnadenfrist. Grünwald ist ein geduldiger Patient, liegenswürdig, bald selbstspöttisch, humorvoll, bald die Umgebung erheiternd, dann wieder in Saroyans "Menschliche Komödie" vetieft, pläneschmiedend und optimistisch. 
6. Seine letzte Arbeit im Gotthaus von Jeizinen 
Tatsächlich reissen ihn am 4.Februar 1966 sein Durchhaltevermögen, die Kunst des Arztes, sowie die allgegenwärtige Assistenz seiner Lucia wieder hinaus vor die Staffelei und hinein in den sakralen Raum. Dem Gotthaus von Jeizinen gilt von nun an sein ganzes künstlerisches Bemühen, als schiene der Geist zu wissen, dass der geschwächte Körper nur schwer mehr den künstlerischen Impulsen mit Pinsel und Spachtel zu folgen vermochte. 

Sitzend malt er, arbeitet rastlos in letzter Hingabe, unterstützt von seinem Weggefährten Williy Dreesen, betreut von Lucia, umhegt von seiner eigenen Mutter. Man malt in dunklen Tönen an seinen Fresken: Heiliger Geist, Verkündigung, Auferstehung und Tod, dessen Nähe und Allgegenwart Alfred Grünwald vielleicht erstmals in diesem sakralen Raum fühlbar erahnt haben mag. 

7. Die Tragik seiner letzten Lebensmonate ...
illustrierte folgende Begebenheit: Juni-Ausstellung 1966 in Brig. Volles Haus und die verkauften Werke erhalten als Kennzeichen einen roten Punkt. Der Verstorbene sitzt - das Stehen wird ihm zur Pein - vor dem Eingang zum Ausstellungsraum. Ein Freund und Mäzen tritt hinzu, reicht zum Gruss die Hand und frägt nach dem Befinden. "Ja fräg noch. Hescht gseh die vile rote Punkta. Jetz weisi wenigstens wie schpat dass mit mier ischt". Diese tragische Episode fand anschliessend in der Presse ihren Ausdruck in der lapidaren Feststellung, die Interessenten hätten sich um die Werke gestritten. 

Indessen aber trieb die Krankheit das Zerstörungswerk beharrlich und grausam fort und aus eigenem Antrieb meldete sich Alfred Grünwald nach beschwerlicher und qualvollster Zeit des Hoffens und Bangens am 7.Juni 1966 bei seinem Freunde im Regionalspital Visp zur endgültigen Hospitalisierung zurück. 

8. Der letzte Lebensweg bis zum erlösenden Tod
Die Gehirnmetastasen liessen nur Böses erahen und der letzte Lebensweg beginnt: Der Tiefschlaf führt zum Dämmerzustand und der Dämmerzustand führt gelegentlich zu lichten Momenten. In einem solchen muss Alfred Grünwald, vielleicht unter Beihilfe seiner Weggefährtin Lucia, das nachstehende, schriftliche Dokument stiller Dankbarkeit verfasst haben.

Dieser Beweis beeindruckender Anhänglichkeit ging am 31.Juni 1966 an die Adresse seines Patenkindes Christine Zehnder, die ihm Alpenblumen in sein Krankenzimmer, das zum Sterbezimmer werden sollte, stellen liess.

Die allerletzte schriftliche Äusserung, die der Erlösende zehn Tage vor dem Tode seiner müden Hand abgerungen haben mag, war in kollegialer Dankbarkeit und Anerkennung Willy Dreesen zugedacht. Das nachstehende Schriftstück gibt im Schriftbild unzweifelhaft die Tragik jener Stunden wieder und nicht ohne Erschütterung ist folgendes dort lesbar:

"Mein lieber Willy!

Ich danke Dir sehr für Deine Hilfe und wünsche Dir eine gute Deutschlandreise und gute Rückreise. Es geht mir langsam besser. 

lb.Grüsse: Lucia. Alles Gute: Alfred".

Der Kreuzweg des Malers Alfred Grünwald aber ging dann 10 Tage später am 14.August 1966, als der Herr ihm einen guten, wohlverdienten und erlösenden Tod schenkte, zu Ende.

QUELLE: Alfred Grünwald: Der Mensch-Das Werk-Die Stiftung, Brig 1976, Rotten Verlag (vergriffen), S.55ff.

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