ALFRED GRÜNWALD 
gesehen vom Rhone Saga Autor Pierre Imhasly
"Grünwald ist als Mensch so bescheiden, dass man in ihm Grösse vermuten muss", schrieb damals Pierre Imhasly. Weil es mit dieser Aussage seine Richtigkeit hat, soll sie nicht - aus Zusammenhängen geriessen werden - isoliert, sondern vollumfänglich wie damals im Walliser Bote vom 21.Februar 1966 auch hier wie im vergriffenen Buche des Autoren stehen sollen:
Walliser Bote - Briger Anzeiger, 21.Februar 1966
Wallis! Bizarr und phantastisch; Pastell und Entrückung Watteaus; Gotik und Pathos, Dürer; Mantegna; Piero della Francescas lichter Himmel, Rousseaus tropischer Bilderreichtum; die Groteske Dalis und das amorphe Monument eines Henry Moore - Wallis, noch mehr.

An Kunst gibt es vieles. Alte, vergangene. Grosse, einfache. Schlichte Vollendung, Sinn nur im Ganzen einer echten Volkskultur. Abgeräumt tonnenweise, verladen, verfrachtet und eingetauscht an halbseidenen, crêpegestrickten Plunder; vor fünfzig, dreissig, zwanzig Jahren. Heute, zum Glück steht es besser - wo wir auch ausgeplündert sind.

Jahrhundertealte Kunst des Wallis, in dicken Wälzern steht sie. Aber war nie Überliefertes, Althergebrachtes, Altbestauntes. War immer Aufbruch, Umwälzung, Umdenken, Neuformen. War immer auch gelebte Kunst. Nicht Traditionen halten, Traditionen brechen heisst sie machen. Darum, weil wir glauben: Kunst von heute ist Welt von morgen, und weil er ein Besessener ist hievon, darum er -

ALFRED GRÜNWALD

der weitab lebt von der Geschäftigkeit. Besessen von den einfachen Dingen dieses Tales, die sind: das Hohe Licht, von Pappeln zusungene Winde, endlose Wege, trockene Erde, Wolkenbänkemaulbeertiger, dunkelbraune Mädchen, deren Haut die Sonne leckt. Sphärische Leichte, unendlich schwerfällige Bodenständigkeit: Grünwald sieht sie in Farben, malt sie in Plakaten.

O nein, keine Reiseprospekte, keine Matterhörner, vergoldet von Morgen-, Mittag-, Abend- und bengalischen Röten. Keine stämmigen, weinumrankten Bauernweiber in Tracht und mit Muskeln von Männern. Keine Sujet-Malerei für Touristen und Bahnhofhallen. Keine markigen geschichtlichen Gestalten, keine Milch-Käse-Brot-und Wangenrot-Stilleben.Überhaupt keine Blubo-Kunst!

Er malt diese Landschaft ohne Heimatstil; seine Träume, seine Quellen ohne poetischen Trödelkram - aber Poesie ist drin, als schweigende Anmut. Er handhabt einen Pinsel, de durch die Rinde in den Wäldern dringt, man spürt und atmet sie. Zutiefst expressive Malerei ohne Expressionismen. Er entschält die Sonne, bis nur noch Licht ist, leidenschaftslos. Artifiziell; wenn das Wort noch einen Sinn hat: abstrahierend. Glasklar, glashart.

Sein Herz ist voll, aber geht nicht über. Er malt spontan, aber schmiert nicht. Mit Herz, ohne herzig zu sein, ohne Nettigkeiten zu fabrizieren. Ein Franziskaner, der seinen Sonnengesang schafft, in Rot, Braun, Gelb, nebeneinandergelegt und in Andacht. Grossflächig und transparent. Inspiriert, nicht meditiert.

So wie er die Farbe spürt, möchte man sagen. Ein Mönch, wie er sich auf die Kargheit bettet. Stil, der zu grandioser Einfachheit sich entwickelte. Ent - wickelte.Vom Rad, pfauenhaft in allen Farben schillernd, zur Nabe. Von der Perspektive zur Fläche. Von der Vielfalt der Formen zum Zyklus. Vom Impressionistischen zum Elementaren. Von der Peripherie zum Omphalos.

In Grünwalds Kunst, seien es Tafelbilder, Holzschnitte, Pastelle, Fresken, Glasmalereien, gibt es einen Zug, der sie charakterisiert: Vereinfachung. Und eine Haltung, der solch bescheidene Ambition entspricht: Reife.

Selbstverständlich ging er in Anschauung und Aufnahme den umgekehrten Weg: von der Ausschliesslichkeit der Jugend, die vieles verwirft, den Rest nur duldet, zur Bewunderung des Vielen: Matisse, Kokoschka, Nolde, Bissière, Mirò ... und die Romatik. Ihr fühlt er sich ganz besonders verwandt, verwandelt sie sich an. Grünwald wohnt sozusagen in einem romantischen Turm, sucht mit romantischer Spontaneität zu gestalten. Dahinter der Glaube, nicht nur an die Menschen.

Von hier zum  Fresko - kein Schritt, eine Selbstverständlichkeit. Ach, wenn er Wände bekäme ... und nicht nur alle paar Jahre eine! So malt er eben Hunderte von kleinen Fresken, auf Gips und Pavatex. Auf der Wand findet diese spröde, karge Kunst ihre grösste Vollendung. Das Fresko zwingt zu noch mehr Einfachheit als die Dispersionstechnik, die bei Grünwald die Ölbilder verdrängt hat. Sehr klein die Auswahl der Farben: drei bis vier Grün und die Erden. Kein grelles Rot, kein apartes Blau. Aber was lässt sich dabei gewinnen an Einfachheit!

Eine bevorzugte Inspirationsquelle Grünwald ist die Bibel. Es ist ihr Erzählton, der förmlich zur Illustration zwingt: man kann nicht anders, man muss es versuchen, immer und immer wieder, in Öl, Gips, Holz und Glas.

Grünwald ist als Mensch so bescheiden, dass man in ihm Grösse vermuten muss.

Pierre Imhasly