Religiöse Malerei
Dr.Albert Carlen, ehemaliger Rektor des Kollegiums Spiritus Sanctus, Brig
1. Zwischen 1957 und 1964 ....
2. Öffentliche Aufträge: Wand- und Glasmalereien
3. In den Tafelbildern deutliche Spuren von ....
4. In den Kirchenfenstern eine souveräne Sicherheit, Freiheit ....
5. An solchen Einzelheiten scheiterten manche Aufträge ...
6. Wie sehen Engel aus?
7. Die religiöse Malerei soll gerade nicht ... 
8. Das ist die Welt der Kirchenmalerei Grünwalds 
9. Alfred Grünwald war Naturbursche und Visionär zugleich ...

Tafelbilder schuf Alfred Grünwald in grosser Zahl und rascher Folge, wenn auch die zahlungskräftigen Käufer sich erst auf seine Bilder stürzten, als seine Lebensflamme fast am Erlöschen war. Die grösseren und öffentlichen Aufträge liessen vorerst auf sich warten und kamen nicht ohne Mithilfe einer Handvoll unentwegter und verständiger Freunde zustande. Die Kirche von Albinen war hier bahnbrechend.

1. Zwischen 1957 und 1964 ...

erlebte der Maler einen Ansturm religiöser Erlebnisse, die er mit schnellem Pinsel zu bewältigen suchte. Zuerst dunkel und drohend, aufsteigend aus den Niederungen menschlichen Versagens, wurden die Bilder allmählich lichter und freudiger. Sünde, Tod und Grab werden überwunden durch Erbarmen, Auferstehung und Ausgiessung des Feuergeistes. Diese stellte Grünwald dar anhand biblischer Szenen und Gestalten. Von diesen religiösen Tafelbildern ist an anderer Stelle die Rede. 

2. Öffentliche Aufträge: Wand- und Glasmalereien

In die gleiche Periode fallen die mehr öffentlichen Aufträge, zum bedeutenden Teil von kirchlicher Seite. Zählen wir die Wand- und Glasmalereien kurz auf:

 

1951 Sgraffito im Café Post in der Furkastrasse in Brig. Es stellt die Weinlese dar mit Traubentreter und Winzerinnen.
1955 Kollegium Brig, unteres Schulhaus. Ein grosses Fresco im Treppenhaus, darstellend die Ausgiessung des hl. Geistes, und ein kleines Fresco in einem Schulzimmer mit dem Thema "Der zwölfjährige Jesus im Tempel", das die etwas missglückte Architektur überblenden sollte.
1959 Neue Kriche in Albinen. Sieben Rundbilder in Bleiverglasung. Thema: Die sieben Sakramente, dargestellt in symbolischen Zeichen und Farben.
1960 Im Restaurant Stalbach in Visp. Wandgemälde in Keramikplatten. Thema: Stollenexplosion und Minenarbeiter
1960 Eingangshalle des neuen Schulhauses in Münster. Vier Glasgemälde in Betonverglasung. Themen: Der Engel beschützt das wachsende Leben, die Sonne wärmt die jungen Blüten, Madonna mit Kind in der bei Grünwald gewohnten frontalen Darstellung, und das lorbeerumrankte Gommerwappen. Das erste und grösste Bild wurde leider vor Jahresfrist auseinandergenommen und entfernt, als man in die Eingangshalle ein Schulzimmer einbaute.

1961

Spitalkapelle Brig (Jetzt: Kantons- und Stadtbibliothek). Vier Glasgemälde in Bleiverglasung, darstellend die Dreifaltigkeit oder Schöpfung, Erlösung und Geistausgiessung sowie die Madonna mit Kind. Die Dreifaltigkeitsbilder an der Ostwand mit schlanken Fenstern, welche ein kräftiges Traubenmuster aufweisen.

1961

Kapelle im Professorenhaus des Kollegium Brig. Zwei dreiteilige Fenster in Bleiverglasung. Themen: Madonna mit Jesuskind und zwei Engeln; der Pfarrer von Ars mit zwei begleitenden Engeln

1962

Kirche Hohtenn. Bleiverglasung der Fensterfronten im Süden, Norden und Osten. Themen: Die Schöpfung- und Erlösungsgeschichte, nämlich, Gestirne, Pflanzen- und Tierwelt und die Vertreibung aus dem Paradies im Süden und die Verkündigung, das Altarsakrament, die Kreuzigung und die Herabkunft des hl. Geistes auf der Nordseite. In der Rückwand auf der Empore ein Medaillon der Kirchenpatronin Barbara

1962

Übungsschule der "Knabennormalschule" Sitten. Sechs hochrechteckige Keramikgemälde in der Vorhalle. Thema ist die Welt des Schulkindes: Pflanzen, Früchte, Kleintiere, Kinder, ABC, die Kunst, dargestellt durch eine Frau mit Harfe, die Sagenwelt in der Gestalt des hl. Theodul mit Glocke, Teufel und Hahn, ein Engel, Maria mit Christkind und Christus der Lehrer.

1964

Schwesternschule im Spital Visp. Glasgemälde in der Eingangshalle in Betonverglasung. Thema: der hilflose Mensch, ausgesetzt den drohenden und heilenden Kräften

1966

Bergkappelle Jeizinen bei Gampel. Grosses Fresko. Thema: Die Heilsgeschichte. Auf dunklem Grund sind Verkündigung, Kreuzigung, Grab, Auferstehung und Herabkunft des hl. Geistes dargestellt

Den grossen Glasgemälden voraus gingen einige Kabinettscheiben, von denen sich eine Madonna mit Kind bei Herrn Dr.H.Wirthner in Münster und eine zweite im Besitze des Schreibenden befindet. Die technische Ausführung aller bleigefassten Glasgemälde besorgte der junge Glasmaler Theo Imboden in Täsch, die Betonverglasung Fleckner in Freiburg.

3. In den Tafelbildern deutliche Spuren von ...

Die Fresken im unteren Schulhaus des Kollegiums waren erste Gehversuche in dieser Technik. Das Pfingstbild erinnert deutlich an Giottos Verrat des Judas in der Arenakapelle in Padua. Die grossen Glasgemälde hingegen zeigen von Anfang an den Prankenhieb der reifen Meisterschaft, die sich an den gleichzeitigen religiösen Tafelbildern wie an Fingerübungen geschult hatte. Hier wurde der Maler auch zur Disziplin und letzten Ausarbeitung gezwungen. Kann man an den Tafelbildern der Reihe nach deutlich den Spuren von Rouaut, dem einsamen Bahnbrecher religiöser Malerei zur Zeit des Expressionismus, von Henri Matisse und Gehr folgen, bis im unvollendet gebliebenen Kreuzweg die selbständige Sprache gefunden war, herrscht in den Kirchenfenstern eine souveräne Sicherheit, Freiheit und Grosszügigkeit, die in keines Herrn Dienst mehr steht. 

4.  In den Kirchenfenstern eine souveräne Sicherheit, Freiheit ....

Das waren nicht mehr die kleinteiligen, etwas gequälten Fenster, die vor Grünwald besonders im Unterwallis in Übung waren. Die Kirchen mussten dort in dunkle Kellergewölbe verwandelt werden, um die Farben zur Geltung zu bringen. Grünwalds Fenster harmonieren mit der Architektur, geben den technischen, rationalen Räumen aus Beton und Holz Würde und Wärme und vermögen selbst banalste Zimmerräume in ein himmlisches Jersualem zu verwandeln.

Er arbeitete nicht ängstlich mit Zirkel und Lineal. Er liebte helle, klar lesbare Fenster, verwendete grossflächige weisse und unerhört farbige Töne, liess die Linien frei ausschwingen und was sparsam in eingezeichneten Einzelheiten. Seine Gestalten sind flächig und schattenlos, zwar nicht abstrakt, aber unabhängig von jedem kleinlichen Realismus. Er erreichte so die lichte Freudigkeit, wie sie den Kirchen des Alpenbarocks eigen ist. 

Hier sprach ein schlichter, gläubiger Mensch, der nicht im Negativen und Abwegigen wühlte, sondern das Dunkel in sich überwunden hatte und zu einem frohen Erlösungsglauben vorgedrungen war, in schöner Einheit zwischen persönlichem Leben und überpersönlicher Kunst. 

Kein Wunder, dass die berufsmässigen, wenn auch preisgekrönten Würmersucher im vaterländischen Abfallhaufen diese Sprache nicht verstanden und geradezu groteske Fehlurteile fällten, wie man an anderer Stelle lesen kann. Da waren die pfarrherrlichen Auftraggeber weit moderner als die Ultramodernen, wenn auch ziemlich dünn gesät.

5. An solchen Einzelheiten scheiterten manche Aufträge ....
Dem unvorbereiteten Laien war es nicht zu verargen, dass er Mühe hatte, den Zugang zu Grünwalds Werken zu finden. Es war ärgerlich, dass Finger und Zehen fehlten, dass die Engel in der Kollegiumskapelle wie rotglühende Glatzköpfe aussahen und die Madonna im Spital von Brig wie eine sizilianische Urmutter in die Breite zerfloss. 

An solchen Einzelheiten scheiterten manche Aufträge. Man ärgerte sich und suchte den Maler umzustimmen. Wie sollte man so etwas dem Publikum begreifbar machen. Auch, das kümmerte Alfred Grünwald nicht im geringsten. Er war ein Wildbach, der mitriss, was im Wege stand, nicht ein zahmes Wässerlein, das sanfte Lämmlein tränkte und Blümlein am Wiesenufer hegte.

6. Wie sehen Engel aus?
Die freundliche Wirtin in Jeizinen, bei der man den Schlüssel holen muss, wenn man Grünwalds Fresko sehen will, sorgte sich um sein leibliches Wohl, als er schon vom Tode gezeichnet, in der Kapelle arbeitete. Warum er den Verkündigungsengel wie eine unreife Zitrone male, fragte sie ihn. "Das verstehst du nicht", antwortete er ihr. "Weisst du denn, wie Engel aussehen?" 

Dieses kurze Zwiegespräch trifft den Nagel auf den Kopf. Wie sollte man sich, seit mehr als hundert Jahren an geordnete Dekorationsmalerei und an schwächlichen Realismus der Devotionalienindustrie gewohnt, mit einem Engel befreunden, der aus einer gelben, etwas verdrückten Scheibe mit grün eingezeichneten rudimentären Gesichtszügen und zwei Flügelstummeln bestand?

Engel sind doch jugendliche, zwitterhafte Gestalten mit gepflegtem Haar, wallendem Gewand und schwebendem Gang, welche süsse Kinde über gefährliche Stege gleiten, oder sind pausbäckige barocke Säuglinge mit oder ohne Rumpf und Glieder. Aber eben: wie sehen Engel aus? 

Es sind reine Geister mit hoher Intelligenz und Kraft, mit denen man ringen muss wie Jakob, wenn sie segnen sollen. Nach der Geheimen Offenbarung sind es Erde und Himmel erschütternde Wesen. Ein Engel erschlug in einer Nacht jede männliche Erstgeburt der Ägypter. "Jeder Engel ist schrecklich", schreibt Rilke. 

7. Die religiöse Malerei soll gerade nicht ...
die photographierbare Oberfläche , die zufällige Körperlichkeit wiedergeben, sondern das, was dahinter liegt, das Transzendente, nicht mehr Sichtbare. Sie soll mit Farben und Formen anregen, beunruhigen, soll Musik und Parabel sein, das Unsichtbare ahnen lassen und die Welt der Übernatur und des Glaubens spiegeln. Die religiöse Malerei ist ihrem Wesen nach kein Abbild, sondern ein Symbol.
8. Das ist die Welt der Kirchenmalerei Grünwalds
Aus dem dunkeln, nur mit höchster Anspannung zu bewältigenden Untergrund des Freskos von Jeizinen, das schon das nahende Ende ahnen lässt, heben sich die lichtvollen, schwerelosen und körperlosen himmlischen Wesen ab. Sakramentale Zeichen und herrlich violett-samtene und freudige Farben in Albinen sagen das Gleiche aus, und die grosszügige, wahrhaft monumentale Symbolik der Spitalkapelle von Brig (jetzt zu besichtigen in der Kantons- und Stadtbibliothek) und der Kirche Hohtenn sind wie ein Bild gewordenes Credo der gläubigen Gemeinde. 

In vielen Bildern heben sich die Oberkörper der Gestalten nur mühsam aus dem untern Bildrand, um ins erlösende Licht von oben einzutauchen. Wer fragt noch in diesem Zwiegespräch zwischen der gnadenlosen Natur und der gnadenhaften Gabe nach kleinlichen Einzelheiten?

Die Keramiktafeln der Übungsschule im Lehrerseminar in Sitten sind ein heiteres Bilderbuch, mit fröhlicher Hand gemalte Phantasien der Kinderwelt, Fabelwesen und Spielgefährten auf der himmlischen Wiese, welche den grauen Pausenplatz in ein Märchenreich verwandeln.

9. Alfred Grünwald war Naturbursche und Visionär zugleich ...
Es haftete ihm etwas unbekümmert Jugendhaftes und eine grosse Sicherheit des künstlerishen Urteils an, wie nur eine tiefe Bescheidenheit sie geben kann, die nicht beunruhigt wird von flüchtigem Lob oder Tadel. Erdhaft natürlich und doch wenig berührt vom grob Materiellen ging er vorüber. Er war eine von innen her religiöse Persönlichkeit. Er sang sein Leben lang als treuer Kirchensänger, er malte das Menschliche und das Göttliche und starb, wie die Zeugen berichten einen ihm gemässen, tief gläubigen Tod. Dieser liebenswerte Mensch macht die christliche Hoffnung leicht.
QUELLE: Alfred Grünwald: Der Mensch-Das Werk-Die Stiftung, Brig 1976, Rotten Verlag (vergriffen), S.52ff.

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