| Sich selber treu und doch kein Aussenseiter |
| Prof.Dr.Bernhard Schnyder, Freiburg über seinen Freund den Kunstmaler Alfred Grünwald |
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Freude am Theater ... 2. Freude am Gesang ... 3. Liebte das Fest ... 4. Mit einer umwerfenden Spontaneität ... 5. Mit einem Schuss Ironie und trockenem Humor ... 6. Der auch zuhören konnte ... 7. Kurz und schön |
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Unter einem Künstler stellt sich der Uneingeweihte gerne jemanden vor, der ein Aussenseiterdasein lebt. Es bleiebe dahingestellt, ob das gemeinhin zutrifft. Alfred Grünwald jedenfalls hat die zufällige Wirklichkeit der Jahrzehnte, in denen er im Städtchen Brig gelebt hat, völlig bejaht. Er hat - ohne sich selbst untreu zu werden - in vielen Gemeinschaften mitgewirkt und manche entscheidend mitgestaltetst. 1. Freude am Theater ... Seinem Künstlerberuf nahe verwandt war natürlich die Welt des Theaters. Alfred war mit Herz und Seele bei den Theateraufführungen, welche die Pfarreijungmannschaft (Brig-Glis vor 1957, Brig seit 1957) mit viel Schwung und Idealismus und mit wenig Geld auf die Bretter brachte, welche bekanntlich "die Welt bedeuten". Alfred Grünwald war zunächst einmal ein ausgezeichneter Darsteller. Denken wir etwa an die Hauptrolle in "Robinson soll nicht sterben" oder an das ergreifende Spiel eines Gefängniswärters im Drama "Die letzte Nacht" ("Das Bild des Menschen") von Peter Lotar. Seine Stärke beruhte zwar nicht etwa darauf, dass er seine Rolle früh auswendig kannte (wenn überhaupt bis zur Hauptprobe!). Wohl aber wirkte sein Spiel ungewöhnlich echt und glaubwürdig. Er spielte ut Theater, weil er - auch im Theater - kein Theaterspieler war. - Theater bedeutete indessen für Alfred Grünwald nicht nur Mitspielen. Er ersetzte dem Regisseur schlechthin alles, auf was ein Spielleiter an einer Berufsbühne Anspruch hat. Er entwarf die Kulissen und malte sie. Er schuf die Plakate (vielleicht erinnert sich jemand an den eindrücklichen Holzschnitt zu "Dienst auf Golgatha"). Er schminkte alt und jung und verwandelte so biedere Brigerinnen und Briger in Helden, Heilige und Bösewichte. 2. Freude am Gesang ... Aus gläubiger Überzeugung, aber auch aus Freude am Gesang und an der Sängergemeinschaft (wobei diese Motive ja gerade keine Gegensätze sind) wirkte Alfred Grünwald im Kirchenchor mit. Auch hier zunächst im Chor der Pfarrei Brig-Glis und nach 1957 im Chor der neu gegründeten Briger Herz-Jesu-Pfarrei. Seine Chorleiter waren die Briger Musikdirektoren Baumgartner, Stöcklin und Müller. Alfred fehlte nur selten bei Proben, kaum je bei Aufführungen. Er hatte ausgesprochen schlechte Kenntnisse von Noten und Partituren und scheute sich nicht, auch Fragen zu stellen, die ein anderer verschämt unterdrückt hätte. Er konnte daher kaum Ab-Blatt-Singen, es sei denn, seine Intuition habe ihm Notenbilder unmittelbar ins Singen übersetzt. Bei der zweiten oder dritten Probe aber erlangte er jeweils eine Sicherheit, die geradezu unerschütterlich war. Diese Sicherheit liess sich auch kaum durch die zufällige Tagesinterpretation eines subtilen Dirigenten beeinflussen. Besonders treu blieb Alfred im Rahmen des Kirchenchores dem manchmal kleinen Grüppchen, welches den gregorianischen Choral sang. Alfreds Affinität zu dieser Musik war offensichtlich, gepaart zwar mit gelegentlich eher eigenwilliger Interpretation. Alfred war aber nicht nur ein zuverlässiger und sehr musikalischer Sänger. Er war namentlich auch ein äusserst wertvolles Glied der Chorgemeinschaft. Wer längere Zeit im Briger Kirchenchor mitgewirkt hat, der freute sich bei jedem (auch nichtmusikalischen) Anlass auf Alfreds Beitrag, und - mehr noch - der spürte geradezu sein Fehlen. Die frohen Choranlässe im Anschluss an saure Probewochen kostete Alfred zur Freude aller anderen bis zur Neige aus. 3. Liebte das Fest ... Überhaupt liebte Alfred das Fest - wie dies nur jemand kann, der den Sinn des Lebens bejaht und damit auch im Fest in einer Hochform menschlichen Daseins den Alltag nicht verdrängt, sondern erhellt. Es war ganz einfach schöner, wenn Alfred dabei war. So war es denn auch in seinem Bekanntenkreis weit herum selbstverständlich, dass Alfred zu dieser Hochzeit, zu jenem Abendhock, zu diesem Ausflug, zu jener Wanderung eingeladen wurde. Man erwartete dabei von Alfred nicht etwa, dass er eine Rede halte oder mit einem ganz bestimmten Beitrag aufwartete. Man wusste oder ahnte, dass sich seine lebensbejahende Festfreude auf die anderen übertragen werde. Mit Freuden erinnere ich mich zurück an die Exkursionen einer Briger Gruppe, welche im Hinblick auf den grossen Pfarreibazar der späten fünfziger Jahre in Buochs ein "Konkurrenzunternehmen" besichtigt hat. Alfred war noch anderntags derart übermütig, dass wir ihn nur mit Mühe verhindern konnten, von der Fähre Beckenried - Gersau aus dem Vierwaldstättersee seine Aufwartung zu machen. Auf einer Spanienreise (von der uns eine Reihe schönster Aquarelle erhalten sind) nächtigte er eines Abends irgendwo auf dem Lande. Plötzlich hörte er von ferne spanische Rhythmen. Er machte sich auf und fand mitten im Freien auf zwei einander zugekehrten Bankreihen schön getrennt die männliche und die weibliche Jugend eines spanischen Dorfes, welche sang, musizierte und tanzte. Nach wenigen Minuten war Alfred in dieses traumartige Idyll eingegliedert, sang und tanzte wie ein Spanier unter Spaniern. 4. Mit einer umwerfenden Spontaneität ... Seine Spontaneität war umwerfend. Eines Morgens sassen wir nach einer fröhlichen Nacht in der Walliser Weinstube, müde und verträumt. Plötzlich ging ein Strahlen über Alfreds Gesicht. Er hatte an der Gegenwand eines seiner Bilder entdeckt. Staunend rief er aus: "En ächte Griänwald!". Alfred konnte staunen wie ein Kind, glücklich sein ohne jede Berechnung und Nebenabsicht. 5. Mit einem Schuss Ironie und trockenem Humor ... Als Eidgenosse (Bürger von Brig und St.Stefan im Berner Oberland) musste Alfred mit zwanzig Jahren auch in die Rekrutenschule einrücken. Mit einem andern Briger zog er im Sommer 1949 nach Losone in die Grenadierrekrutenschule. Beim Antrittsverlesen wurden der Reihe nach die Deutschschweizer, die Westschweizer und die Italienischsprechenden auf Kompanien und Züge aufgeteilt. Auf dem Platz blieben die beiden Briger. Auf die Frage, was sie denn für Landsleute seien, kam die spontane Antwort der beiden Betroffenen: "Oberwalliser". Wohl nicht zuletzt in Erinnerung daran, dass während langer Zeit die Schweizer Soldaten keine scharfen Handgranaten werfen durften, war damals der erste Handgranatenwurf eine Art Mutprobe für Rekruten. Alfred war wie alle anderen wochenlang auf diesen Tag vorbereitet worden. Als es endlich soweit war und Alfred seine erste Handgranate warf, liess er beim anschliessenden Vorwärtsstürmen vor lauter Einsatz oder Aufregung sein Gewehr liegen. Wegen dieses unmilitärischen Verhaltens musste er auf dem langen Heimweg vom Schiessplatz zur Kaserne sein Gewehr schultern. So streng waren damals die Bräuche. Man kann nicht gerade behaupten, dass Alferd seine Dienste in de Oberwalliser/Oberländer Grenadierkompagnie mit Begeisterung absolviert hat. Er war zwar körperlich ungemein zäh und leistungsfähig. Doch hat ihm die Atmosphäre nicht ganz behagt. Er liess vieles mit einem Schuss Ironie und mit trockenem Humor über sich ergehen. 6. Der auch zuhören konnte ... Entscheidendes beim Zusammensein in kleineren ode grösseren Gemeinschaften ereignet sich im Gespräch, im Dialog. Alfred zeigte dabei ein lebhaftes Interesse (was lateinisch bekanntlich inter-esse = Mit-Dabeisein / Dazwischensein besagt) an tausend Dingen. Hier wie sonst war er spontan, echt und konnte staunen. Hier wie sonst hatte er seine eigene Meinung, aber gerade nicht um einer gesuchten Originalität willen. Hie wie sonst gab es mehr Leben, weniger Banalität, weniger Kalkulierbares, wenn Alfred unter uns war. 7. Kurz und schön Die Novell "Gustav Adolfs Page" von C.F.Meyer steht unter dem Leitmotiv: "Courte et belle" - kurz und schön. Dieser Satz könnte auch als Leitsatz über dem Wirken Alfreds in seinem Freundes- und Bekanntenkreis stehen. Bernhard Schnyder |
| QUELLE: Alfred Grünwald: Der Mensch-Das Werk-Die Stiftung, Brig 1976, Rotten Verlag (vergriffen), S.27-30 |