Über den Tod hinaus II>I
von Dr.Walter Ruppen, Kunsthistoriker und Stiftungsratmitglied der ersten Stunde (Fotos)

1. Die Grünwald-Stiftung ist ein Versuch ...
2.
Was überhaupt, verdient fortzubestehen?
3. So wechselt die Zeitströmung unter unsern Augen ... 
4. Die Stiftung wird nicht zur Untätigkeit verurteilt sein ...
5. Grünwald war der erste Oberwalliser Künstler der jungen Generation 
6. Seine Offenheit den vielseitigsten Einflüssen gegenüber ... 
7. Der unverkennbar eigene Weg liegt in seinem Charakter  
8. In gewissem Sinne hat er sein Werk vollendet ... 
9. Als wär's ein Stück von mir ...

1. Die Grünwald Stiftung ist ein Versuch ...
Uns allen ist Alfred Grünwald und sein Werk bekannt. Es braucht nicht mehr vieler Worte. Wenn hier trotzdem einige Gedanken zur Stiftung ganz allgemein und zum Werk des Malers gegeben werden, so bloss dazu, in diesem Augenblick Bekanntes wiederum in Erinnerung zu rufen

Die Grünwald Stiftung ist ein Versuch, Namen und Andenken des Künstlers durch die wechselnden Zeitströmungen hindurch zu retten und damit fürs Wallis wertvolles Kulturgut bleibend aufzuheben. Es soll Grünwald nicht gehen wie Raphael Ritz oder auch noch Ludwig Werlen, deren Werke in alle Winde verstreut sind oder bei den Nachkommen und ein, zwei Liebhabern vergessen der Auferstehung entegegenharren.

In gewissem Sinne läuft freilich jede Stiftung gegen die Geschichte Sturm. Trifft nicht die Zeit am unbestechlichsten die Auswahl, während wir dem Werk zu nahe stehen, um es zu beurteilen?

2. Was überhaupt, verdient fortzubestehen? 
Natürliche Auslese der Natur auch im geistigen Bereich, und unser Unterfangen ein Eingriff in die Natur? Dennoch sind wir nicht mehr gewillt, die Kunst von heute bedingungslos dieser unpersönlichen und in hohem Masse zufallsbestimmten Jury auszuliefern. Von Praxisteles ist ein einziges, noch umstrittenes Original, der Hermes von Olympia, auf uns gekommen. Wieviel Werke des Rembrandt, Velasquez, Rubens sind untergegangen. Und sind wirklich die besten Werke jener Meister erhalten geblieben? 

Wie konservierend sich anderseits ein juridischer Akt auswirken kann, beweist in unsern Barockkirchen mancher Altar oder Kelch, der nur dank einer Stiftung die wechselnden Stilrichtungen überdauert hat. 

Vielleicht greifen wir auch aus einer heimlichen Angst zum Mittel der Stiftung. Unsere Generation erlebt es ständig neu, wie die Zeit alte Institutionen bricht. Die noch jüngere Generation weidet sich daran wie am Abbruch eines alten Hauses in der Stadt, während sich die ältere entsetzt. 

Das Werk unseres Malers selbst liefert ein bemerkenswertes Beispiel. Wie Sie wissen, hat Grünwald seine ersten grossen Porträte in der Maltechnik des van Gogh, des Flaminck oder der deutschen Impressionisten, d.h. in einer bewegten impressionistischen Technik gemalt. Heute, nach kaum 20 Jahren, ist die Technik überholt. Begänne Grünwald heute, knüpfte er nicht mehr an sie an; denn diese Malweise ist abgesunken. Amateure haben sich ihrer bemächtigt und verwenden sie für Mondenschein und Sonnenaufgang. Der Kunstliebhaber beginnt mit Gleichgültigkeit, wenn nicht mit Ablehnung dies Kneten in der Farbmasse zu reagieren. 

Wie die Hippy-Kunst, die Werbung in Plakat und Inserat das Wiederaufleben des Jugendstils und andere Erscheinungen beweisen, hat jetzt die von Gauguin vorbereitete fauvistisch-ornamentale Fläche des Matisse die impressionistisch - tachistische Farbe überrundet.

3. So wechselt die Zeitströmung unter unsern Augen ...
und wir haben Mühe, weiterhin an unverbrüchlich feste Kunstkriterien zu glauben. Jede Kunstströmung scheint sich vielmehr ihre eigenen Massstäbe aufzubauen und ruft eine ihr wahlverwandte Kunstepoche der Vergangenheit wieder herauf, wie jetzt das Beispiel des Jugendstils lehrt. 

Auch mit unserer Grünwald-Stiftung können wir das Werk des Künstlers bloss hüten und, wenn die Zeitströmung umschlägt, warten, bis wieder ein Engel niedersteigt und das Wasser in Wallung bringt. Dennoch wäre Fatalismus fehlt am Platz.

4.  Die Stiftung wird nicht zur Untätigkeit verurteilt sein ...
Allein schon der Wert des Werkes von Alfred Grünwald verpflichtet zur Wachsamkeit. Die Stiftung wird nicht zur Untätigkeit verurteilt sein. Sie hält alles für eine wissenschaftliche Erforschung des Werkes bereit. Von den Werken der Stiftung und auch von jenen, die in den letzten Monaten verkauft wurde, sind Diapositive angefertigt worden. Soweit immer möglich, sollen in der nächsten Zeit auch die früher in Privatbesitz gelangten Werke erfasst werden. 

Und wir möchten Sie, verehrte Anwesende, schon jetzt darum bitten, die Stiftung über Werke in Ihrem Besitz zu unterrichten und bei der Nachsuche mitzuhelfen. So dürfte mit der Zeit ein fast lückenloses Dia-Inventar zustandekommen. Entwürfe und Skizzen wurden beinahe ausschliesslich der Stiftung zugeteilt, um den Werdegang der Werke zu erklären.

In einer permanenten Ausstellung hier im Stockalperschloss (seit 1995 im Alfred Grünwald Saal) sollen stets Werke des Malers hängen; einmal werden es Zeichnungen sein, ein andermal Pastelle, dann wieder Porträte usw. Wenn anderorts Ausstellungen stattfinden, in welchen Grünwald vertreten sein sollte, leiht die Stiftung einige repräsentative Werke, wie die bereits bei der gegenwärtigen Ausstellung der Oberwalliser Künstler in Murten geschehen ist.

Dies war ein Grund, warum die qualitätsvollsten Werke aus allen Epochen für die Stiftung ausgewählt wurden. Ein anderer Grund war die Überzeugung, dass nichts so sehr wie die Stiftung das Profil des Malers in der Zukunft bestimme. Aufgabe der Stiftung ist es schliesslich, sich auch der verstreuten Kunstwerke anzunehmen und auf die Restaurierung gefährdeter Werke zu dringen.

5. Grünwald war der erste Oberwalliser Künstler der jungen Generation
und hat das Künstlertum konzessionslos gelebt. Während die Künstler der vorangehenden Generation die Kunst eher nebenamtlich ausführten, wagte er, ausschliesslich der Kunst zu leben. Ein solches Leben übt immer eine eigentümliche Faszination auf die Umwelt aus, weil es manches gesellschaftliche Tabu in Frage stellt. Aufrüttelnd wirkte dann auch seine Kunst. Sie werden sich noch an seine erste Ausstellung im Stockalperschloss erinnern. Man horchte auf in der Erwartung, dass das Oberwallis wieder eine kraftvolle Kunst erhielte. Heute sind einige beachtliche Talente am Werk 
6. Seine Offenheit den vielseitigsten Einflüssen gegenüber ...
Eine Eigenart von Grünwald, die sich in den Gemälden der Stiftung deutlich manifestiert, ist seine Offenheit den vielseitigsten Einflüssen gegenüber. In der ersten Epoche war er, wie bereits ausgeführt, von Gogh, Flaminck, den deutschen Impressionisten wie L.Corinth u.a. verpflichtet. 

In Florenz malte er klar und kühl. War es das Licht des Mittelmeers oder die akademische Kühle? Dann trat der deutsche Expressionismus mit Nolde und Kirchner ins Blickfeld. Mit dem Einbruch des Religiösen tauchen vereinzelt Chagall und besonders fühlbar Rouault auf. Den grössten Einfluss gewinnt in der Folge Matisse, dessen expressive und zugleich dekorativ leuchtende Farbfläche seine Kunst auf lange Strecken hin bestimmt. Auch mit der fauvistischen Fläche liess sich Religiöses aussagen. Das lehrte Ferdinand Gehr

Als ob er von all diesen Künstlern der jüngsten Gegenwart noch nicht genügend Anregungen hätte empfangen können, sag er sich noch in fernen Geschichtsräumen um, bei der Romantik und der etruskischen Kunst. Der langen Reihe der genannten Einflüsse begegnen Sie in markanten Werken der Stiftung. Bei der Auswahl wurde bewusst darauf geachtet, sämtliche Einlüsse miteinzubeziehen.

7. Der unverkennbar eigene Weg liegt in seinem Charakter 
Eine solche Offenheit nach überall hin war erst im heutigen Wallis möglich. Dabei gab es in Grünwalds Werk eine expressive Komponente, die germanischem Wesen entsprach, und wieder einen starken Hang zur romantischen Malerei. Der ursprünglich bernische Vater und die Mutter, eine Tessinerin, beide hatten seine Kunst geprägt. Die Ausbildung in Italien, der Aufenthalt in Paris trugen das ihre dazu bei. So war er befähigt, eine persönliche und zugleich fürs Oberwallis typische Kunst (?) zu schaffen. Denn auch das Oberwallis ist deutsche Enklave (in einem französisch dominierten Kanton, mit Öffnung nach Norden zur Deutschschweiz und Süden zu Oberitalien) hin.

Man fragt sich, wo bei soviel Einflüssen die Persönlichkeit des Malers blieb. Einen unverkennbar eigenen Weg zu finden, schwebt doch jedem Künstler als Ziel vor. Gewiss. Aber Grünwald hat diese Einflüsse rasch und sicher assimiliert. Ob hinter einem Gemälde Matisse oder Roueault oder Nolde dahintersteht, immer hat Grünwald dem Werk den Stempel seines Charakters aufgeprägt

Er hat ein breites Fundament gelegt, hat sich nicht vor Einflüssen gescheut nach dem Ausspruchs Picassos, dass man wohl andere, aber nie sich selbst nachahmenn dürfe. Grünwald ist also nicht unmittelbar dem Haupte des Zeus entsprungen. Er war zu menschlich dafür und hat auf Überkommenem aufgebaut, wie es Menschen ziemt

Ohne zu übertreiben, darf man sagen, dass sich in seinem Werk ein Kampf zwischen spätimpressionistisch-tachistischen Frabe und der Matiss'schen Fläche entspann. Im Jahre 1961 schuf er zuerst die in tachistischer Farbe verglühende Himmelfahrt des Elias und dann völlig flächige Bilder mit fest umrissenen Formen. War es der Reichtum der Persönlichkeit, der zu dieser Gespaltenheit trieb, oder hat sich bei ihm schon jene Auseinandersetzung ausgetragen, die in diesen Jahren zugunsten der Fläche entschieden wurde, wie ich an anderer Stelle bereits ausgeführt habe. Man rühmt ja Künstlern eine Sensiblität nach, die sie geistige Entwicklungen vorwegnehmen lässt.

8. In gewissem Sinne hat er sein Werk vollendet ... 
Vielleicht stellt sich mancher die an sich müssige Frage, ob Grünwald vollendet war. Es ist nicht ganz ausgeschlossen, dass das ruhelose Ausgreifen nach Anregungen im Zusammenhang mit der kurzen Lebensspanne stand, die ihm eingeräumt war - auch die Heftigkeit der Auseinandersetzung zwischen den entgegengesetzten Farbmöglichkeiten. So sieht, von heute aus gesehen, manches nach einem Wettlauf mit dem Tode aus. 

Sicher ist der Einbruch des Religiösen in den Jahren 1958/59 damit zu verbinden. Die biblische Bilder bedrängten ihn mit einer visionären Kraft, wie es sonst in diesem jugendlichen Alter kaum möglich ist. Bezeichnend auch, dass ihm ein vages religiöses Gotteserlebnis nicht genügte, dass er vielmehr um das Heilsgeschehen im Alten und Neuen Testament rang. In gewissem Sinne hat er sein Werk vollendet.

Es ist wohl mehr als Zufall, dass er kurz vor dem Tod noch eine Folge wirklich grossartiger Landschaftsbilder geschaffen hat, die, Expression und Dekoration in genialer Art verbindend, nach Vollendung aussehen. Das ist freilich ein kleiner Trost angesichts der schmerzlichen Verheissung, die gerade in diesen grossen Landschaften liegt.

9. Als wär's ein Stück von mir
Zum Schluss möchte ich der Familie Grünwald noch einen besonderen Dank aussprechen. Die Stiftung wurde mit einer beispiellosen Grosszügigkeit ausgestattet. Was Sie jetzt in diesem Saal und im Korridor besichtigen können, ist nicht einmal die Hälfte der Ölbilder, dazu kommt noch eine grosse Zahl von Pastellen, von Entwürfen und eine überhaupt noch nicht einmal ganz gesichtete Menge von Zeichnungen. Es ist Frau Grünwald, der Mutter des Künstlers, und auch den Geschwistern sicher oft schwer gefallen, sich von den qualitätvollsten Bildern zu trennen. "Als wär's ein Stück von mir", das gilt für das künstlerische Werk eines Menschen im besonderem Masse. Aber sie haben damit dem Andenken von Alfred sicher den grössten Dienst erwiesen. Ein Fortleben im Geiste hat neben dem jenseitigen, auf das wir hoffen, auch einen Sinn. Das sind nicht heidnische, sondern bloss nachkonziliare Gedanken. - Der Stadt Brig aber hat die Familie Grünwald ein grosses verpflichtendes Erbe überlassen.
QUELLE: Alfred Grünwald: Der Mensch-Das Werk-Die Stiftung, Brig 1976, Rotten Verlag (vergriffen), S.97ff.

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