Wachsen und Werden 
von Arnold Pfammater, Autor der Monographie "Alfred Grünwald" (1976, vergriffen)

1. Das Leben eines Künstler und dessen Deutung
2. Zeugenaussagen wie ein Bild komponiert ...
3. Die Vorkriegsjahre: Charakterzüge und Schulzeit
4. Bei Kriegsende: Die Frage nach der Berufswahl
5. Kunstausbildung in Mailand, Florenz und Paris 
6. Soldantenhandwerk - eidg.Kunststipendium und erstes Atelier

1. Das Leben eines Künstler ...

und Grünwald war einer - in nüchterne,sachliche Wortreihen fassen zu wollen, ist ein schweres Unterfangen. Als liesse sich ein kurzes, aber intensiv gelebtes Künstlerdasein in seiner Eigenwilligkeit überhaupt zwischen zwei Buchdeckeln zwängen.

Zugegeben: der Künstler unserer Tage steht nicht mehr isoliert in Aussenseiter- und Hungerleiderposition. Die moderne Industriegesellschaft und der grundsätzlich kunstbeflissene Wohlfahrtsstaat lassen in der Regel keine Talente verkümmern und in der neuern Zeit übernehmen sie die Aufgaben des Mäzenatentums verganener Jahrhunderte. 

Dieses Wohlwollen erwirkt Annäherung zwischen Gesellschaft und Künstler und meistens ist dieser dann bereit, in seinem Lebensstil, seinem Habitus, seinem Äussern, und seinen Gepflogenheiten sich den traditionellen gesellschaftlichen Verhaltens- und Lebensformen anzupassen. Dies traf auch bei Alfred Grünwald sicher zu.

Trotzdem aber bleibt im Leben eines Künstlers noch Extravagantes und Nonkonformes genug, das zu deuten, zu erklären, zu verstehen und für den Leser niederzuschreiben wäre. Noch schwieriger wird dabei diese Aufgabe, wenn Hinterlassenes eines Verstorbenen (Briefe, Dokumente, Notizen, Tagebücher usw.) dürftig und unergiebig ist. Vollends unmöglich aber wird das Unterfangen, wenn dabei der Verfasser sich auf mündlich Überliefertes, aus zweiter Hand Kolportiertes abzustützen hat.

Aus diesen Gründen sei das Bemühen, Leben und Werk des Alfred Grünwald zu interpretieren und daran herumzudeuten, jenen Zeitgenossen des Verstorbenen überlassen, die in Pressemitteilungen, Ansprachen und Verlautbarungen aller Art zu Lebzeiten des Künstlers aus erster Quelle schöpften. 

Damit willfährt einem Toten, seinem Leben, Leiden, Sterben und seinem Werk grösstmöglichste Gerechtigkeit und zudem die Gewähr für realitätsbezogene, sachliche und lebensnahe Berichterstattung.

2. Zeugenaussagen - wie ein Bild komponiert ...

Diese Zeugenaussagen folgen aber in diesem Buche nicht fein säuberlich chronologisch und schematreu geordnet, sondern in eigenwilliger und ungeordneter Folge. Blitzlichtartig, Momentaufnahmen, Situationsberichte, unzensuriert, farbigbunt hingesetzt, bald hell, bald dunkel, hingeworfen wie Tupfen, Kleckser und Striche auf des Malers Palette und Leinwand

3. Die Vorkriegsjahre: Schulzeit und Charakterzüge

Die Geldabwertung, die zunehmende Krise und Arbeitslosigkeit und die beängstigende Zuspitzung der internationalen politischen Gesamtsituation beunruhigten die Welt und auch bei uns schreckten Land und Leute aus der Geruhsamkeit jener Tage.

Dessenungeachtet aber gedieh an der Simplonstrasse 23 in Brig das Grünwald'sche Kleinkind zur allgemeinen Freude seiner kinderfreundlichen Umwelt. Nur der Vollständigkeit halber sei festgehalten: Wenn Mutte Grünwald zu berichten weiss, was für ein strammer, hungriger und zugleich braver Säuger ihr "caro Alfredo" gewesen sei, dann verbürge ich diese mütterlich Aussage und schreibe sie nicht der Eitelkeit der Erzeuger zu.

Physische und geistige Robustheit liessen ihn denn auch die Schulzeit unbeschadet überstehen, ebensowenig aber liess diese allfällig in ihm schlummernde künstlerische Talente restlos verkümmern. Diese überlebten trotz der betrüblichen Tatsache, dass musische Fächer durch den Zwang von Umstand und Zeit sich mit Nebenfachcharakter zu befriedigen hatten. Die damalige Lehrerschaft mag an den bis zum äussersten Blattrand mit Skizzen, Schnörkeln, Ornamenten und Entwürfen angefüllten Heften und Büchern des Schülers und späteren Studenten wohl kaum eitle Freude empfunden haben. Von den mit italienischen Brocken und mit südländischem Idiom angerichten Schulbubendeutsch wäre bestimmt Ähnliches zu berichten. 

Weit nachhaltiger als rein schulisches Wissen hat im spätern Leben des Malers Alfred Grünwald aber jene tiefe, nahezu kindliche Gläubigkeit und echt christliche Haltung nachgewirkt, welche dem Heranwachsenden in einer glücklichen, ausgeglichenen und überaus menschlichen Familiengemeinschaft anerzogen wurden.

4. Nach Kriegsende: Die Frage nach der Berufswahl

Ohne von einer ererbten künstlerischen Begabung oder Substanz sprechen zu wollen, ist jedoch eindeutig erwiesen, dass der Schüler Alfred Grünwald wohl weit häufiger und weit lieber dem malenden und zeichnendem Vater Karl Grünwald und ältern Bruder Felix über die Schulter, als den Schulbüchern und Heften in die Seiten guckte. Dieser Zug schien ausgeprägt und verdeutlichte sich während der dreijährigen Realschulzeit am Kollegium Brig offensichtlich. 

Wohl oder über stellte sich damit für den jungen Pöstlerbuben die Frage der Berufswahl, die in jenen mageren Jahren nicht lediglich nach Lust, Veranlagung und Begabung, sondern auch nach materiellen und wirtschaftlichen Kriterien zu lösen war. Im eigenwilligen Studentenhirn schien diese Frage - eindeutig in Richtung künstlerischer und musischer Betätigung - vermutlich schon längst entschieden. Wer kann's dem besorgten Elternpaar Grünwald-Martinotti verargen, wenn dieser Entscheid unter den damaligen Zeitumständen, bei Kriegsende und fragwürdigem Friedensbeginn, bei ihnen nicht ausgesprochen euphorische Zustimmung fand? Mit dem schmal bemessenen Beamtenlohn war kaum mit der grossen Kellen auszurichten, hingegen sechs Wildfänge zu nähren, zu erziehen und standesgemäss auszubilden.

So werkte denn der junge Alfred, wenn er nicht gerade in der Freizeitwerkstätte am Heiligen Antonius und den Christusköpfen herumschnitzte, in der schulfreien Zeit wacker mit. Bald auf dem Bau, bald im Grenzsanitätsdienst, bald im Eilboten- und Telegrammdienst der PTT, kurzum überall da, wo mit der Hände und Füsse Fleiss einige Franken zu ergattern waren. 

Diese Voraussetzung traf damals am ehesten auf das Hotelgewerbe zu und so finden wir den jungen Mann, als er auszog die Welt zu erobern, angetan mit einer imponierenden Livrée als Chasseur zu Luzern im "Wilden Mann". Als solcher schien Alfred sich nur temporär betätigen zu wollen, denn nach kurzer Zeit stürzt er sich unbesonnen in einer Kurzschlusshandlung aus Uniform und Gasthaus und steht nach kurzer Irrfahrt mittellos in einem holländischen Schiffshafen, einen Dampfer nach Amerika zu besteigen.

Aufregende Suchaktion besorgter Eltern, Einsatz schweizerischer und niederländischer Polizei und der musische Ausreisser und Hotelier wider Willen steht zutiefst zerknirscht in der Simplonstrasse vor der väterlichen, zum Empfang des verlorenen Sohnes bereits geöffneten Haustür. Ob Vater Carlo das biblische Kalb geschlachtet und Mutter Anna selbes nach Tessiner Art in der heimeligen Wohnküche geschmort hatte, blieb zeitlebens ungeklärt.

Der Entschluss war nun reif, Weg und Zukunft vorgezeichnet, nicht wissend, dass der Schöpfer der letzteren nur die kurze Zeit von zwanzig Jahren zuzumessen dachte. Nicht ein prall gefülltes Reise- und Wanderbündel, wohl eher der Segen  des Vaters, die Wünsche der Mutter und das Einverständnis der beiden waren Alfred's treuste Begleiter, als er 1946 im ersten Nachkriegsjahr nach Italien aufbrach, sein geliebtes Handwerk zu erlernen

5. Kunstausbildung in Mailand, Florenz und Paris
Kunstlyzeum "Beato Angelico" und "Brera" Mailand in den Jahren 1946-1949, "Bel Arti" in Florenz, in Paris "Beaux-Arts" und "Grande chaumière" 1951/52/54, Glasmalerei bei Paul Bony, Paris, 1954 Porträtmalerei und Lithographie an der Kunstakademie Florenz sind einige Stationen des Lernbefliessenen. 

Zwischen den klassischen Ausbildungsstätten des Auslands und den Fleisch- und Fettöpfen der Simplonstrasse 23 ist er während acht Jahren rastloser und unruhiger Pendler, Suchender und Finder, Lernender und Schöpfender zugleich. 

6. Soldatenhandwerk - eigd.Kunststipendium und erstes Atelier
Die 118 Tage zur Erlernung des garstigen und leider immer noch nötigen Soldatenhandwerks in Losone, unterbrechen kurzfristig seine Lehr- und Wanderjahre, was den jungen Künstler, das Prädikat darf wohl nun verwendet werden, nicht hindert, im Jahre 1951 im Parterre des Hauses Adèle von Stockalper in der Burgschaft Brig ein, wenn auch bescheidenes bestücktes Atelier zu eröffnen. Unter diesen Umständen bereits als 24jähriger ein eidgenössisches Kunststipendium in Anerkennung des künstlerischen Schaffens entgegennehmen zu dürfen, war für einen jungen Künstler Ermutigung, Auftrieb und Verpflichtung zugleich. So erbrachten dann die Auslandreisen nach Holland, Sizilien, Italien, Spanien, Griechenland, Deutschland und Frankreich ergiebige künstlerische Ernte und Alfred Grünwald war damit im Begriffe, den unendlich mühsamen, beschwerlichen, steilen und oft deprimierenden Weg nach oben anzutreten.
QUELLE: Alfred Grünwald: Der Mensch-Das Werk-Die Stiftung, Brig 1976, Rotten Verlag (vergriffen), S.15ff.

Es war einmal > Wachsen und Werden < Lieben, leiden, vollenden > Über den Tod hinaus