Grünwald - eine Wende 
Dr.Werner Kämpfen, Direktor der Schweiz. Verkehrszentrale (Schweiz Tourismus),Zürich
Hier wird einem Oberwalliser Maler ein Buch, ein schönes Buch gewidmet. Die Feststellung ist bedeutungsvoll - für das Oberwalliser Kulturschaffen und natürlich den Maler selbst, unseren früh heimberufenen, aber auch früh vollendeten Alfred Grünwald. Das Neue - hier wird's Ereignis.

In der Kulturgeschichte des Oberwallis standen die Maler nie auf Platz eins. Kirchen-, Altar-, ja Orgelbauer, Historiker, Politiker, Kanzel- und andere Redner standen weiter vorn in der Rangordnung; denn zunächst mussten die Oberwalliser, ohnehin eher Ohren- als Augenmenschen, inmitten anderer Kulturkreise ihre Sprache verteidigen. 

Die schönsten Kirchenbilder stammen von fremden Meistern, die liebenswerten Exvotos sind noch nicht seit langem als Zeugnisse einer bleibenden Volkskunst erkannt und anerkannt. Auch drei Maler-Persönlichkeiten der jüngeren Zeit bleiben ohne grössere Jünger- und Gefolgschaft: wir meinen Lorentz Ritz, den Porträtisten, und seinen Sohn, den in einer Dissertation gewürdigten "Alpen-Raphael", sowie in unserem Jahrhundert das noch zu wenig erforschte Werk von Ludwig Werlen

Die herbe und heroische Walliser Landschaft wurde von "auswärtigen" Malern entdeckt. Namen, wie Barthélemy-Menn, Vallet, Bille, Chavaz oder Kokoschka, seien stellvertretend für bekannte im Wallis angesiedelte Künstlerkolonien genannt.

Grünwald bedeutet eine Wende. Sein Werk und in der Folge jenes seiner Künstler-Freunde fand immer grösseres Verständnis, drang bis zum Volk vor. Im Gegensatz zu den meisten Künstler-Biographien standen die Eltern dem Künstler nicht im Wege, half sein Bruder als Architekt mit, den Blick für religiöse Kunst zu weiten. Neben dem vielseitigen, heute von der Kunstkritik anerkannten Werk Grünwalds fand auch der Mensch, der daraus spürbar wurde, beim Volk gute Aufnahme. 

In einem Leserbrief in dem nach der Richtung des Malers gefragt wurde, schloss die Einsenderin: "Herr Grünwald, wir Briger sind stolz auf Sie", und der Maler antwortete in seinem auch für das Werk bestimmenden, auf das Wesentliche ausgerichteten Stil: "Theorien geben an sich nichts". Übereinstimmend siedelt die Fachwelt Grünwalds Kunst zwischen Nolde und Matisse, zwischen nordischem Expressionismus und eher heiterer lateinischen Gelassenheit an. 

Aber über Schule und Schulung steht die Künstler-Persönlichkeit, ein bei aller Disziplin entfesseltes, leidenschaftliches und spontanes Talent und Temperament. "Es" malte aus ihm heraus. Als hätte er gewusst, dass ihm nur kurze Frist gegeben, wandte er sich - in abgerundeten Etappen - fast allen Möglichkeiten der Malerei zu, ergründete das Gesicht seiner Walliser Erde, dann die Landschaft des menschlichen Antlitzes und schliesslich die Landschaft der Seele in seiner religiösen Malerei.

Ein Jahrzehnt nach des jungen Malers Tod gewinnt das Werk einen zusehend höheren Stellenwert, weitet sich die Grünwald-Gemeinde in und ausserhalb des Landes stetig aus. Dass dieses von initiativen Rotten Verlag mit Unterstützung der Grünwald Stiftung herausgegebene Buch und dass der Autor Arnold Pfammatter mit feiner Feder, zusammen mit Freunden des Künstlers und Kunstkritikern, den Menschen Grünwald in den Vordergrund stellen, macht uns die vorliegende Monographie besonders symphatisch - es ist die richtige Einstellung für das Betrachten der Reproduktionen, die keine Wünsche offen lassen.

Die Walliser sagen von Grünwald: "Er war unser". In Zukunft wird er es - auch dank diesem (inzwischen vergriffenen) Buch - noch mehr sein.

Werner Kämpfen

QUELLE: Alfred Grünwald: Der Mensch-Das Werk-Die Stiftung, Brig 1976, Rotten Verlag (vergriffen), S.5