Zur abstrakten Kunst 
Publikation im Walliser Bote vom April 1961

Wenn ein Laie es wagt, sich über ein bestimmtes Fach ein eigenes Urteil zu bilden, dann begibt er sich meistens auf Glatteis. Niemand kann einem idessen zwingen, sich die Ideen eines andern zu eigen zu machen und Verständnis aufzubringen für eine Sache, die einem im Inneren widerstrebt.

Da soll einer z.B. mit unserer modernen Kunst, wie sie sich in diesen gegenstandslosen, surrealistischen oder abstrakten Bildern präsentiert, noch nachkommen. Muss denn die ganze Wirklichkeit in diesem Farbengeschmier auf der Leinwand untergehen?

Wenn das der Spiegel unserer Zeit bedeuten sollte, dann wäre das zumindest bedenklich. Irgend einen Namen findet der Schöpfer zwar immer für sein Werk. Er kann es Komposition oder dergleichen nennen.Was es für eine Komposition sein soll, kann sich dann der Beschauer ja selber ausdefinieren.

Wenn man in einer Kunstausstellung für abstrakte Kunst ein Tonband aufstellen würde, dann könnte man sich vielleicht einen Begriff machen, wie verschieden die Auslegungen ausfallen würden. Da het es uns ein Albert Anker z.B. weniger schwer gemacht, seine Bilder zu enträtseln. Vermutlich wird aber diese neue Art von Kunstmalerei wieder vorübergehen, sowie sie gekommen ist, es ist anzunehmen, dass dieser Zug eher eine Modesache ist. Vielleicht findet sich die Tachisten wieder zur Wirklichkeit zurück, nachdem sie es mit der Fleckenmalerei satt haben.

Es wäre sehr zu wünschen, wenn sich unsere einheimischen Künstler zu diesem Thema äussern würden, denn was hier vorgebracht wurde, war die ureigene Meinung eines Laien. Man kann mich ruhig Spiesser nennen, besser als Spiesser zu gelten, als Kunstverständnis zu heucheln, wo man keines aufzubringen vermag.

Bitte Herr Grünwald, wie stellen Sie sich zu der abstrakten Kunst? Ihre Meinung wäre sehr interessant zu erfahren, denn Sie haben sich in der Kunst nun auch schon einen Namen geschaffen, ohne sich auf die abstrakte Kunst verlegt zu haben. Wir Briger sind stolz auf Sie.

Hanna

Werte Hanna

Sie haben mich gebeten, zu sagen, was ich von der abstrakten Malerei denke. Ich bin ein Gegner der abstrakten Malerei. Das sage ich Ihnen gleich am Anfang, damit Sie beruhigt sind. Ich denke mit einem Gemälde mehr sagen zu können, wenn ich etwas darstelle. Es ist schade, dass so viele heute abstrakt malen - und somit darauf verzichten, etwas sagen zu wollen. Man hat nichts mehr zu sagen -

Von dem Experiment der abstrakten Malerei und den verschiedenen Ismen haben wir jedoch auch profitiert und uns gewisse Erfahrungen angeeignet, besonders für die Wandmalerei.Die Farbe sagt etwas aus, schon bevor sie in eine Form gekleidet ist. Das abstrakte Gemälde ist nicht mehr als ein Wandschmuck und verzichtet auf weitere Ansprüche. - Das wäre so ungefähr meine Idee.

Wichtiger als darüber zu reden ist, dass die Kunst gesehen werden, um daran sich zu erfreuen. Die Theorien geben selbst nichts! Meine Meinung, werte Hanna, werden Sie am besten kennen, wenn Sie meine Arbeiten anschauen. Mehr als man darin lesen kann, sagt keine Kunst.

Alfred Grünwald

Nun wusste Hanna Bescheid, klaren Bescheid. Denn die Antwort war klar, Telegrammstil, knappste Satzgestaltung, ohne Umschweife, bar jeder Ausflucht, unmissverständlich wie der Geist des Autors. Frei vor allem aber von jeder auch so gezwundenen, kaum geniessbaren und hochgestelzten Interpretation. Dafür sein dem Verstorbenen Dank.

Arnold Pfammater